Es graut mir vor der bunten Welt

Im Jahre 2014 trat zum ersten Mal -meines Wissens- eine Sängerin mit Vollbart auf. Was war das für ein Zeichen? Eines des Gendering, sagen die Leute, die sich für aufgeklärt halten. Aber die europäische Aufklärung ist doch am Ende, sagt der Punkphilosoph Zizek und fasst sich wild gestikulierend immerzu an die Nase dabei. Das Nachrichtenmagazin der Spiegel präsentiert uns bald jede Woche einen brandaktuellen Experten des Islam, der uns erzählt, dass diese Religion in einer alle verwirrenden Krise steckt. Dieses Durcheinander von Desinformation und sattem Ehschowissen überlagert unser Leben, dazu sollen wir aufmerksam zuhören, statt einfach wegzuschauen. Was geht uns die fremde alte Religion an, die dem modernen Lifestyle die Zunge raussstreckt? Kann uns das alterieren? Haben wir nicht genügend andere Hobbies ? Die Banken, einst ehrwürdige Geldverleihungsinstitute, beherbergen und verstecken fragwürdige Subjekte, die für den übelsten Ruf sorgen, doch siehe da: Der schlechteste Ruf tut ihnen nichts an. Statt diese Figuren zu ächten, verschieben die ehrbaren Leute ihren Frust auf die Fremden, sie seinen schuldig an allem, sie störten die alte Gemütlichkeit.Oh, es geht ein tiefer Riss durch die Gesellschaft,in der sich die einen sauwohl fühlen, sie zählen fraglos zu den Gewinnern, die anderen aber fürchten bald abzustürzen, endgültig abgehängt zu werden. Alles nur Gefühle? Die begründbaren Tatsachen scheinen unauffindbar, trotz der vielen Statistiker, die überall herumhocken und auf ihren Auftritt warten. „Neue Unübersichtlichkeit“ nennen das die Soziologen, die Welt sei zu komplex geraten, als dass man noch vernünftig über sie reden könnte.Jeder googelt sich drum seine eigene Sicht jetzt zusammen, denn schließlich lassen sich all die Informationen doch ganz individuell nutzen. Die Datenexplosion ist in vollem Gange, heißt es. An jeder Straßenecke ein Gesundheitspriester, der eine empfiehlt Kaffeetrinken gegen Alzheimer, der nächste rät zu Selfies, wegen Selbstwerterhöhung. Die Therapeuten feiern noch immer Hochkonjunktur und sammeln die alten Scherben zusammen für einen letzten Konsens zum privaten Gebrauch. Lachkuren, sagen sie, können uns helfen gegen die weltweite Depression.
Das wird mir alles zu bunt, ich wende mich ab, ich will vor meinem Abgang noch einmal zu mir kommen. Am besten: Ich verzieh mich in die Berge, werfe all die Geräte weg und lese noch ein paar Meisterwerke der schönen, alten Sprache.

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