Konsens verschlingt kritische Öffentlichkeit

Der italienische Theoretiker Giorgio Agamben will die in der politischen Philosophie vernachlässigte Frage beantworten: Warum braucht die Macht die Herrlichkeit? Wenn sie Stärke, Handlungs- und Regierungsfähigkeit ist, weshalb tritt sie dann in der medial betäubenden Form der Zeremonie auf? Für Agamben bilden Akklamationen eine Übergangszone, in der Politik und Theologie ununterscheidbar werden. Wie die liturgischen Rituale Gottes Herrlichkeit erzeugen und festigen, so sind auch die profanen Akklamationen kein Ornament der politischen Macht, sondern sie begründen und rechtfertigen sie.
Akklamationen und die Herrlichkeit in ihrer modernen Gestalt als öffentliche Meinung und Konsens stehen für Agamben immer noch im Zentrum der politischen Dispositive. Spielen die Medien in den heutigen Demokratien eine so wichtige Rolle, so deshalb, weil sie die Kontrolle und Lenkung der öffentlichen Meinung ermöglichen, und vor allem, weil sie, so Agamben, die Herrlichkeit verwalten und zuteilen. In den Medien sei jene akklamatorische und doxologische Dimension der Macht wirksam, die in der Neuzeit verschwunden zu sein schien, die aber in der heutigen Demokratie, die Guy Debord Gesellschaft des Spektakels nennt, in der akklamatorischen Gestalt des Konsenses wiederkehre. So könne man gegen Habermas „mit guten Argumenten“ einwenden, dass er letztlich die politische Macht in den Händen der Medien affirmiere und rechtfertige.

Heute leben wir tatsächlich in einer Gesellschaft der Akklamation, die aber keine wirkliche demokratische Partizipation zulässt. Sie ist vielmehr eine entpolitisierte Gesellschaft des Spektakels, in der es auch nicht mehr um politische Machtergreifung oder Herrschaft geht. Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die das gegenwärtige System über sich selbst hält, sein lobpreisender Selbstgesang. Hier figuriert selbst die Regierungsgewalt, so Debord, als ein Pseudostar, der sich wie der Star des Konsums durch das passive Zuschauerpublikum akklamieren lässt. Die entpolitisierte Gesellschaft der Akklamation verdrängt zunehmend die kritische Öffentlichkeit, die ein Jürgen Habermas immer noch zu verteidigen glaubt.
In Wahrheit ist diese Öffentlichkeit im Zeichen des Konsens eine andere geworden und gewiss als keine kritische mehr zu begreifen.

Drogensucht

Für den Theologen J. Ratzinger ist diese als ein Anzeichen dafür zu erkennen, dass auch in der vollends profanen Welt, die als Gefängnis der Tatsachen empfunden wird, die Sehnsucht nach dem Paradies nicht auszutreiben ist.
Für den Philosophen Sloterdijk offenbart sich in ihr ein Bedürfnis nach Inexistenz, in der die Dämonen über das masochistische Subjekt herfallen: „ In der Sucht begegnet uns eine individualisierte, das heißt vom Mitwissen der Kulturmitglieder abgespaltene Revolte gegen die Zumutung des Daseins. Durch entritualisierten Privatgebrauch der Drogen bahnen sich die Subjekte sozusagen wilde Rückwege in die Inexistenz. Oft glauben sie ausdrücklich ein Recht auf solche Ausflüge zu haben, als wären sie in einem Winkel ihres Bewusstseins von der Überzeugung durchdrungen, dass sie zu souverän sind, um sich die Plumpheit des Daseins zumuten lassen zu müssen. Es ist wahr, nichts macht so überlegen wie das Sichhinausdenken aus der Verlegenheit gegebener Umstände: nichts macht so frei wie das Schweben über dem Gegensatz von Wollen und Müssen: kaum etwas erheitert so sehr wie die Gewissheit , der Sklaverei des Selbsterhaltungstriebs entrinnen zu können.“ ( P.S. in „Weltfremdheit“, edition suhrkamp, 1993 S. !47 f.)
Die Hoffnung, dass sich in diesem Nirwana göttliche Stimmen zurückmelden, trügt und öffnet bald der Sucht alle Türen, durch die Dämonen einfallen und die Subjekte verknechten.

Kleiner Lauschangriff

Habe unabsichtlich und nebenbei das Gespräch einiger junger aufstrebender Leute mitbekommen. Sie waren flott eingekleidet von den angesagten Weltfirmen der Mode und haben alles mögliche studiert, BWL, Medizin, oder ganz neue Businesswissenschaften, die ich noch gar nicht kenne .Bemerkenswert dabei für mich, dass sie kaum über das Fachliche oder Substanzielle ihrer Studien redeten, sondern ausschließlich über ihre Karrieremöglichkeiten. Dabei fungierte die Beratung und das Coaching als  Schlüsselwörter. . Eine Holding scheint ihnen die bessere höhere Firma als alles, was darunter rangiert. Warum, wissen sie nicht, weil sie es wahrscheinlich eh nur einem berühmten Marketingschwafler nachplappern. „Wenn du dich auf Beratung spezialisierst, kannst du immer noch auf Coaching umstellen, wichtig ist eh vor allem der Verkauf, den Verkauf musst du lernen, egal was du sonst machst. Weil wenn du den Verkauf beherrschst, kannst du alles verkaufen, egal was..“ . Die jungen Damen haben dabei noch ein Problem, sie wissen noch nicht, ob sie Kinder kriegen werden. Wenn ja, dann wären sie lieber irgendwo ansässig, statt immerzu durch die Welt zu jetten, obwohl das sicher sehr cool ist, eine ganze Weile lang. Man kann ja bei einer großen Firma kein Landei bleiben. Die jungen Männer sagen sofort, Kinder seien für sie kein Problem, sie würden sich auch dafür zur Verfügung stellen und jederzeit für das ein oder das andere Sabbatjahr bereit sein. Kommt halt drauf an, wie der Job dann läuft. Alles ne Sache der Planung heute. Sie haben immer noch kein Thema berührt, das sie fasziniert oder umtreibt, sie sind auch nach einer halben Stunde, nachdem ich meinen Kaffee getrunken, meine Zeitung und was mich darin interessierte gelesen habe, und allmählich aufbreche, noch immer bei ihren Karrierewünschen. Ein junger Herr mit einem lustigen Hut und einer Fliege am Hals, kennt bereits mindestens 4 Leute, die bei McKinsey arbeiten, die sagen alles dasselbe: „Beratung ist eine Supersache, aber natürlich schadet es nicht sondern im Gegenteil, wenn du jede Menge über den Verkauf weißt. Weil die Beratung musst du ja auch verkaufen. Logisch.“
Eigentlich wollte ich solange warten, bis sie die Kurve kriegten und zu irgendeinem Stück Futter bei de Fische kämen. Aber das war mir dann doch zu fad. Irgendjemand muss ihnen eingeredet haben, dass sie mit ihrem Businessgeschwätz bald zu den Führungskräften dieser reichen Welt aufsteigen können.
Es wird ein böses Erwachen für sie geben, denke ich, aber ich spürte, als ich in ihre leeren Gesichter unterhalb ihrer modischen Haarschnitte schaute, kein Verlangen, sie zu warnen. Mir würden sie eh kein Wort glauben, ich habe gar kein besonderes Faible für den Verkauf.

Petra Morsbachs prosaische Kunst

Petra Morsbach ist eine geschickte, sehr kluge Schriftstellerin, leidenschaftlich interessiert an der Sachlichkeit, ja an derselben Realität, um die wir alle kreisen, meinen und reden. Sie kennt sich darin besser aus als die meisten, sie beobachtet einfach genauer, sie will etwas wissen, das wir dann erst erkennen, wenn sie es uns sagt. Dann sind wir beinah überrascht, nie jedoch überwältigt. Mit dem poetischen Surplus beschäftigt sie sich nur, wenn es um Kleinigkeiten geht, um Details, in einer Drehung des Satzes erreicht sie es, ansonsten walzt sie präzise und plangemäß ihren Stoff aus, der mich leider nach 2 Dritteln nicht mehr fasziniert; denn ich weiß plötzlich alles, weiß auch, dass es zu einem unerwarteten Finale nicht mehr kommt. Das Tempo stimmt plötzlich nicht mehr, sie füllt aus, was schon klar ist. In „Dichterliebe“ führt sie uns einen ziemlich unsympathischen, hochnäsigen Nörgler und DDR Schrifsteller vor, für den wir uns aber plötzlich und immer mehr interessieren. Das ist eine Kunst,wir verstehen den Mann, obwohl wir seinen Einsichten, Urteilen und Meinungen kaum einmal beipflichten werden. Wir wissen, er hat, was er vorbringt, was ihn bedrängt, als Abwehr fremder Ansprüche und zur Stabilsierung seines verletzten Ego bitter nötig. Er verliebt sich in eine naive, junge und sympathische Westschnepfe, die ihm zuhört, die seine Schmerzen lindert und dann doch nicht auf seine Liebeswünsche eingehen kann. Das führt aber zu keiner Tragödie, eher zu einem vernünftigen Ende, denn Frau Morsbach kann ihre rationalen Grenzen und Kategorien zwar schöpferisch ausdehnen, an diesen Grenzen ist sie eine wahre Meisterin sui generis. Doch verlassen kann sie sie nicht. In Traumland ihrer Figuren konstruiert sie Phantasmen, die sie sofort wieder auswertet und austrocknet, statt sich ihnen zu überlassen. Das ist aber nicht ihre Schwäche, sondern entspricht der kalkulierten Prosa, die sie beherrscht.

Dichte Stoffe

Psychomüll – aus dem Traum mir quillt,- seh ihn wohl, nimm ihn nicht ernsthaft unter die Lupe, die im halb erleuchteten Winkel herumliegt. Ein Fehler vielleicht, denk ich später.
Ich brauche einen Zweck, einen Grund, den die anderen unter ihren Füßen wähnen, der sich flugs wieder verwandelt und einer Vision zuführt;- ein Wort wie Willkommenskultur, bitte schön, gut und leicht gesagt, als wäre das Daherkommen nichts anderes als eine Kür künstlicher Prosa, jetzt da die Naturlyrik soeben zusammenbricht, auf dem Asphalt des Geredes. Einer Mode, die vorgibt, noch wahre Wollfäden einer Tradition zu enthalten. Wozu und wohin denn wär‘ das zu retten? In die Zukunft, in eine neue Mythologie der Märtyrer, die dem Kommerz Widerstand leisten, wo dieser wahrscheinlich das einzige Medium ist, die anderen noch irgendwo zu erreichen. Das lässt sich nicht abtun. Irgendwie, im Niemandsland zerschlissener Metaphern, uralter, kaum restaurierter Bilder, die der Chansonnier immer noch gebraucht für seine Erfolge und Tourneen rund um den Globus. Denn wer will schon neue Lieder? Das Neue ist ein Gerücht, so der Ahn – immerzu widertönend aus der Gruft seiner Untröstlichkeit.