Dieter-unser Zeitzeuge

Dieter ist die die Hauptfigur in Elfriede Hammerls Roman „Zeitzeuge“. Dieters Leben ist wirklich eine Misere, er hat sich zweimal verwählt. Zwei Frauen nacheinander geheiratet, die wenig von ihm hielten, beruflich hat er es auch zuerst nur zum Journalisten gebracht, danach kam er im Verlagswesen unter, das ihm auch wenig Freude und Erfolg brachte. Seine Kinder, Agnes, die Ärztin und Nikolaus, der Computerfreak, machen ihm auch wenig Freude, sondern immerzu Vorwürfe, denn als Vater habe er auch keine gute Figur gemacht. Dieter zieht sich in sich selbst zurück, er hat keine Lust mehr auf menschliche Begegnungen, obwohl er gewissen Frauen immer noch gefällt, die gerne etwas mit ihm anfingen, aber er weicht ihnen aus, er lehnt ab. Denkt er an Ruth, die elitäre Bildungsbürgerin oder Martha, die Proletariertochter, dann weiß er wieder, dass es dazwischen wohl auch nicht mehr viel geben wird, das ihm Vergnügen bereiten könnte. Er ist leicht depressiv, im Verlag nervt ihn Norbert, der einst weit unter seinem Niveau mit ihm Germanistik und solche Sachen studierte, und sich immer an ihn dranhing, denn Dieter konnte mit links Frauen aufreißen, so erschien es Norbert und er wich deshalb nicht von Dieters Seite, um die abzukriegen, abzustauben, die Dieter verschmähte. Jetzt im Verlag spielt Norbert sich auf und publiziert einen fragwürdigen Rechten, zum Verdruss Dieters, der den Typen nicht ausstehen kann.
Ach, das Leben geht immer weiter, wie’s mittendrin schon gescheitert ist,es scheitert jetzt nicht mehr so sehr, aber enthält auch keine neuen Aufregungen oder gar hoffnungsvolle Aussichten mehr. Das liegt natürlich an Dieter, der den Glauben an sich selbst gründlich verloren hat. Die neue Welt der Digitalisierung, der political correctness, der Umweltkatastrophen und des Geschwätzes um diese hoffnungslosen Umstände herum, alles verdrießt ihn nur noch und ödet ihn an. Auch die neuen scheinbar sensationellen Premieren am Burgtheater Wiens interessieren ihn kaum noch, auch die Ausstellungen im Museumsquartier nimmt er nur noch mit halber Neugier wahr. Es ist eine Last geworden, das schon so lange andauernde Leben.
Dieter war einst so hoffnungsfroh und erstrebte eine erfolgreiches Berufsleben, das ihm auch möglich gewesen wäre, aber seine zwei Ehen zermürbten ihn so sehr, raubten ihm so sehr alle Kräfte, dass er auch mit den Produkten daraus, den Kindern, die ihm in eine fremde Welt abdrifteten, keine großen Hoffnungen mehr verbinden kann. Er kann sich zwar denken, dass Agnes eine erfolgreiche Ärztin ist, aber wenn er an ihre Patienten denkt, kann er sich nicht vorstellen, dass einer von ihnen besondere Zuneigungen und Zuversichten mit seiner philiströsen, kiebigen Tochter assoziert. Nein, für ihn ist es kein Vergnügen mehr, mit Agnes zusammenzutreffen, dauernd ihre Vorwürfe, er habe sie falsch erzogen fürs Leben, zu ertragen. Eigentlich wäre sie doch glühend gerne Schauspielerin geworden..jetzt sieht er, wie sehr seine Mutter, die ehrgeizige und bescheidene Bildungsbürgerin, es immer geplagt haben muss, dass er ihr ähnliche Vorwürfe wie Agnes vorbrachte.

Der Geist der Zeit hat ihn ständig gefoppt und in die Irre geführt, er wollte ihm deshalb gar nicht mehr folgen, nicht mehr zuhören,wenn die Leute um ihn herum ständig neue Themen aufbrachten, die man jetzt beachten müssen, jetzt in der neuen Aufbruchsepoche. Für Dieter waren die letzten Jahre immer nur von den Zeichen seines Niederganges übersät. Man hat kein Mitleid mit ihn, manches von dem, wie er denkt und in die gegenwärtige Welt hinein sieht, gibt ihm Recht, manches andere amüsiert einen als Leser mehr als ihn, den armen Protagonisten. Man wird aus ihm und dem, was ihm geschieht, ein bisschen klüger, das ist schon sehr viel. Das dankt man der klugen Autorin Elfriede Hammerl wirklich gerne. Das Buch ist tragikomisch, von einem steten Lachen im Unbewussten erfüllt, doch befreit einen weder das Lachen noch das Traurige ganz, die Lektüre lässt einen melancholisch und nachdenklich zurück.

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