Unsere schrecklichen Super-Kinder

eine treffliche Analyse des aktuellen Zeitgeistes gibt uns Elfriede Hammerl in ihrem neuen Roman „Zeitzeuge“. Sie schildert die Umstände eines Antihelden, der sich vor lauter moralischer Rechtschaffenheit und seinem Gutmenschentum, mitten im Wald seines Bewusstseins nicht mehr zu sich selbst findet. Er will natürlich alles recht machen. Doch was er auch tut, er missfällt seiner Tochter, seiner Mutter, seinen zwei Frauen. Auch beruflich findet er sich schon lange nicht mehr zurecht.
Tochter Agnes, angehende Ärztin, findet, ihr Vater ist nicht genügend stolz auf sie.
Dazu meint Dieter, der Vater: „ ihr vorwurf ist nicht ungerechtfertigt, denn tatsächlich weiß dieter nicht, was stolz auf kinder sein soll. stolz ist man seiner meinung nach auf leistungen. Kinder sind keine leistung., kinder sind ein glück, wenn sie halbwegs glücklich unterwegs sind, und eine last, wenn sie anlass zur sorge geben, in jedem fall sind sie eigene menschen, sich auf sie etwas einzubilden wäre selbstüberschätzung und eine verkennung des beitrags, den man als elternteil zu ihrem charakter, ihren talenten und ihren fähigkeiten leisten kann. Kinder sind nicht die verlängerung der väterlichen und mütterlichen persönlichkeit. wer sich in seinem kind sehen will und zwar auf eine art und weise, die es ihm erlaubt, stolz auf das kind-also auf sich- zu sein, ist nichts als ein narziss.“
Es ist mindestens die halbe Wahrheit, die Dieter hier braucht, um seine mangelhafte Zuwendung zu seiner Tochter hier vor sich selbst etwas zu verbergen. Doch ist die Stelle auch typisch für die Prosa Hammerls, die oft etwas bewusst offen lässt, wer da nun spricht? Der Held oder eine andere Figur oder die Autorin selbst? Das ist raffiniert gemacht und dient dem Vergnügen, sich als Leser unversehens in den Diskurs im Roman verwickelt zu sehen. Das ist sozusagen ihr Spiel mit dem Leser, das Literatur bestenfalls sein kann.

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