Gegen die digitale Tyrannei

Jetzt da die digitalen Zwänge eine neue Diktatur ankündigen, die Öffentlichkeit durch Geschäftsmodelle kommerzialisiert und völlig verpöbelt und versifft wird, ist es wahrscheinlich wieder an der Zeit für geheime Exklusivclubs, in denen frei und jenseits der Reklamen geredet und gehandelt werden kann. Die aktuelle Notlage erinnert an die klerikale Diktatur von Kirche und Adel, die freie Geister auch nur in Geheimlogen überleben konnten.
Von dort können neue Kassiber und Strategien wie gehabt erdacht und im Schutze der Anoymität und der Pseudonyme in die fremde Welt eingespeist werden. Die vulgär und banal gewordene Öffentlichkeit hat keine Kontrolle und keine Einsicht in die privaten Kanäle, von denen her die Nachrichten fiktionalisiert als Fragmente und Flaschenposten sicher und gut verschlüsselt in die Fremde geschleust werden. Die Subversivität erlangt neue, rettende Bedeutung. Die einst euphemistisch sog. Öffentlichkeit kann die Privatheit der Personen nicht mehr schützen. Sie werden durchleuchtet und mächtigen Konzernen ausgeliefert werden, also bleibt ihnen nur das Abtauchen in neue geschützte Geheimareale, wo sie den Fängen und Krakenarmen von Big Data entkommen können. Fiktionalisierung statt Realität, Möglichkeit schlägt Wirklichkeit. Andere Auswege wird es kaum mehr geben.

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Mehr als eine Anekdote

Es gehört zu den pikantesten Pointen der Geschichte, dass ausgerechnet ein französischer Priester, namens Jean Meslier, im 18.Jahrhundert ein Testament hinterlässt, in dem er schonungslos mit der katholischen Kirche und ihrer Religion abrechnet und damit die großen Aufklärer Holbach und Diderot, -dieser übrigens auch ein ehemaliger Schüler der Jesuiten- maßgeblich beeinflusst hat. Voltaire, der weiß Gott nicht an diesen glaubte, der nichts von der katholischen Religion hielt, sie aber gerne als prächtige Kulisse missbrauchte, um darin mit seinen fürstlichen Mäzenen spazieren zu gehen, verwässerte und milderte diese Abrechnung Mesliers zunächst.
Im Salon Holbach aber kannte man das Original und schrieb unter Pseudonym fleißig daraus ab. Diese Neuauflage der Judasstory ist heute, wo eine andere Religion wieder für für grauenhafte Katastrophen sorgt, sehr interessant, da wir dringend auf neuerliche Revolten aus verborgenen, intellektuellen Kreisen des Islams warten. In der Zuversicht, auch im Islam könnte nochmal eine Aufklärung, eine radikale Religionskritik im Sinne Holbachs hervorgehen.
Bert Brecht hat in der Gestalt des kleinen Mönchs in seinem Galilei-Stück die genau Gegenfigur zu Meslier geschaffen, mit dieser Figur dreht Brecht die Attacken Mesliers um und fragt danach, wie die armen, von Kirche und Adel Unterdrückten ihr Elend wohl aushalten könnten ohne die Jenseitsvertröstung der katholischen Religion.

Rousseaus Paranoia

der Philosoph und Komponist hatte diese Krankheit nach dem Urteil der Experten,
denn für den Paranoiker sei es typisch, dass er den Großteil seiner Energien darauf verwende, seine Umwelt nach seinen emotionalen Gewissheiten und Bedürfnissen umzudeuten. Dies sei bei Rousseau klar zu beobachten gewesen. Gerade nach seinem Erfolg als Opernkomponist nach 1750. Überhaupt sei es Rousseau gelungen, in Paris relativ schnell sehr berühmt zu werden. Er hasste diese Stadt aber und floh immer wieder aufs Land, mied auch seine Gönner und Anhänger, die ihn nach seiner Deutung mit Neid und Missgunst verfolgten. Sogar seinen Gönner Baron Grimm zieh er dieser schlechten Absichten.
Seit seinem Erfolg habe er vergeblich nach jener Herzlichkeit des Barons gesucht, jedoch niemals mehr die Offenheit und Freude gefunden, „mich zu sehen. Sobald ich bei dem Baron erschien, hörte das Gespräch auf allgemein zu sein. Man vereinigte sich in kleinen Gruppen, man flüsterte sich ins Ohr, und ich blieb allein, ohne zu wissen, mit wem ich sprechen konnte.“

Auch über Madame Epinay, die ihn liebevoll aufnahm und ihm ein Haus in ihrem Park zur Verfügung stellte, beschwert er sich. Die Freundin habe ihn so lange bedrängt und genötigt , dass er die Einladung gegen sein besseres Wissen angenommen habe. Er hätte niemals darein einwilligen dürfen, schreibt er in seinen berühmten Bekenntnissen.

Verblüffend

Otto Schily, der einst deutsche RAF-Terroristen vor Gericht verteidigte, hat sich durch seine Aufgaben als Innenminister wohl so sehr geändert, dass er seither die Gefahren des internationalen Terrorismus ganz anders sehen muss. Er hat im Kabinett Gerd Schröders entsprechende Gesetze gegen die mörderische Gefahr von al-Qaida und Konsorten auf den Weg gebracht und umgesetzt. Inzwischen ist der einst revolutionär Gestimmte, oder sagen wir, der als grüner Reformator seine politische Laufbahn begann, längst zum elder statesman avanciert. Ähnlich wie Antje Vollmer ist er mit Helmut Schmidt, Weizsäcker und Jürgen Habermas in die politische Nobel-Prominenz aufgestiegen. Soweit nichts Neues. Wie verblüfft aber war ich heute, als ich in der BILD lesen konnte, dass Schily, der einst durch den Vietnamkrieg der Amerikaner seine linke Initialzündung erfuhr, nun angesichts der IS-Terrorbarbaren sich folgendermaßen äußern kann:
„ Deswegen sollten wir uns auch zurückhalten, wenn wir z.B. wegen der NSA-Affäre Kritik an den USA üben! Die Zusammenarbeit u.a. mit den Amerikanern hat Deutschland sicherer gemacht – und wahrscheinlich Menschenleben gerettet.“ Sollen wir die NSA Überwachung aus Sicherheitsgründen also hinnehmen? Meint Otto Schily das wirklich?

Anekdote

Jean Jacques Rousseau, der Philosoph, schrieb eine Oper “ le devin de village“ (der Dorfwahrsager). Darin muss ein Dorfbursche begreifen, dass die Liebe einer hübschen Schäferin für ihn angemessener ist als die Umarmungen einer Gräfin. Der König – wahrlich kein Musikkenner- war so gerührt von dieser Geschichte, dass er beschloss, dem Komponisten eine Pension auf Lebenszeit zu gewähren. Rousseau, der sich, seine Geliebte und deren alte Mutter nur mit Mühe durchbringen konnte, hatte endlich die Chance, sich seinen musikalischen und philosophischen Arbeiten zu widmen, ohne sich um seinen Unterhalt sorgen zu müssen. Doch das Ganze scheiterte an der Bedingung, dass er die Gabe aus der Hand des Monarchen persönlich entgegen nehmen musste. Rousseau weigerte sich, eine Audienz beim König? Das war für ihn indiskutabel. Seine Freunde, darunter Denis Diderot, suchten vergebens, ihn zu seinem Glück zu überreden. Jean Jacques blieb stur und schrieb: “ Ich schere mich einen Dreck um die Leute bei Hofe, heute können alle Könige der Welt mit all ihrer Arroganz und ihren Titeln und ihrem Gold zusammen genommen mich nicht einen einzigen Schritt weit bewegen.“

Elfriede Hammerls Zeitroman

E.Hammerl 

  • Dieter ist die Hauptfigur in Elfriede Hammerls Roman „Zeitzeuge.“.Dieter hat sich zweimal verwählt. Zwei Frauen nacheinander geheiratet, die wenig von ihm hielten. Beruflich hat er es zuerst zum Journalisten gebracht, nachdem er als Romanautor für seine Begriffe gescheitert ist. Danach wurde er Miteigentümer eines kleinen Verlages, der ihm jetzt zur Erzählzeit einige Sorgen macht. Seine Kinder, Agnes, die Ärztin und Nikolaus, der halbwüchsige Rebell, machen ihm wenig Freude, doch immerzu Vorwürfe, denn als Vater habe er keine gute Figur gemacht. Das findet auch Martha, seine zweite Frau, die Mutter von Nikolaus.Dieter zieht sich in sich selbst zurück, er hat keine Lust mehr auf menschliche Begegnungen, obwohl er gewissen Frauen, wie der forschen Susanne, immer noch gefällt. Er weicht ihnen aus. Denkt er an Ruth, seine erste Frau, die linke Dozentin und Bildungsbürgerin oder Martha, die Proletariertochter, dann weiß er wieder, dass es dazwischen wohl nicht mehr viel weibliche Varianten geben wird, die ihn noch einmal zu mehr Elan und Aufbruchsgeist verleiten könnten. Er fühlt sich alt, müde, schuldig. Einst tat sich Dieter leicht damit, Frauen aufzureißen, wie man sagt und es Norbert, seinem Verlagspartner, immer erschien. Er wich deshalb nicht von Dieters Seite, um wenigstens die Schönheiten abzukriegen, die jener nicht begehrte.

  • Jetzt im Verlag spielt Norbert sich auf und publiziert einen fragwürdigen Rechten, namens Landmann, den Dieter nicht ausstehen kann. Es kommt zum von Norbert maliziös inszenierten Skandal. Landmanns Buch „Heimatliebe“ soll ausgerechnet am 20. April in der Hofburg auf dem sog. Hitlerbalkon der Öffentlichkeit präsentiert werden. Nochmal ein Thomas Bernhard-Jelinek -Haider-Stoff, denkt man. Aber die Autorin hält ihn auf Sparflamme, walzt ihn nicht aus. Der Frankfurter Sponsor und Verlagspartner lässt sich Buch und Event nicht gefallen und kündigt Norbert, der daraufhin Suizid begeht.

    Ach, das Leben geht immer weiter, und zwar so wie’s mittendrin schon gescheitert ist. Es scheitert jetzt nicht mehr so sehr, aber enthält auch keine neuen Aufregungen oder Hoffnungsfunken mehr. Das liegt natürlich an Dieter, der den Glauben an sich selbst gründlich verloren hat. Die neue Welt der Digitalisierung, der political correctness, der Umweltkatastrophen und des Geschwätzes um diese tristen Umstände herum, alles verdrießt ihn und ödet ihn an. Es ist eine Last geworden, das schon so lange andauernde Leben.
    Dieter war einst so hoffnungsfroh und erstrebte ein erfolgreiches Berufsleben, das ihm auch möglich gewesen wäre, aber seine zwei Ehen zermürbten ihn so sehr, raubten ihm so sehr alle Kräfte, dass er auch in den Früchten daraus, den Kindern, die ihm in eine fremde Welt abdrifteten, keine großen Hoffnungen mehr erkennen kann. Er kann sich zwar denken, dass Agnes eine erfolgreiche Ärztin werden wird, aber wenn er an ihre Patienten denkt, kann er sich kaum vorstellen, dass einer von ihnen besondere Zuneigungen mit seiner philiströsen, zickigen Tochter verbindet. Nein, für ihn ist es kein Vergnügen mehr, mit Agnes zusammenzutreffen, dauernd ihre Vorwürfe zu ertragen, er habe sie falsch erzogen fürs Leben. Eigentlich wäre sie doch glühend gerne Schauspielerin geworden..jetzt sieht er, wie sehr seine Mutter, die gütige und bescheidene Sozialdemokratin, es geplagt haben muss, als er ihr immerzu ganz ähnliche Vorwürfe wie Agnes vortrug.

Der Geist der Zeit hat ihn ständig gefoppt, er wollte ihm deshalb gar nicht mehr zuhören, wenn die Leute um ihn herum ständig neue Themen aufbrachten, die man jetzt beachten müsse, jetzt in der neuen Aufbruchsepoche. Für Dieter waren die letzten Jahre immer nur von den Zeichen seines Niederganges übersät. Man hat kein Mitleid mit ihm, manches von dem, wie er denkt, gibt ihm Recht, manches andere amüsiert einen als Leser mehr als ihn, den armen Protagonisten. Doch dann im letzten Drittel des Buches tritt Natalia auf, eine alte Liebe Dieters, an der sich sein Lebensgeist sofort wieder entzündet. Natalia ist damals, vor Jahrzehnten, als Dieter mit ihr anbandeln wollte, nach Paris zum Kunststudium entflohen und erst vor kurzem wieder zurückgekehrt, sie lebt jetzt in Graz. Dort besucht sie nun Dieter und sie kommt nach Wien. Wie es mit den beiden weitergehen kann, lässt das Buch offen.