Deutsche Bußandacht mit Frau Jelinek

Die Nazimorde des NSU- Trios haben erwiesen, wie schlecht und dilettantisch der Staat gegen die braune Gefahr aufgestellt ist. Das hat ihm aggressive Kritik und Spott eingebracht. Das ist gerecht und genug Anlass für das grimmigste Kabarett. Aber ist es auch Stoff für die großen Bühnen , den ihnen Elfriede Jelinek, die Nobelpreisträgerin, mit ihren sog. Textflächenvorlagen auf 220 Seiten Papier dazu geliefert hat ? Wohlgemerkt Stoff, Sprech -und Spruchmaterial, kein Theaterstück, keine Handlung.
Johan Simons, Intendant und Regisseur der Kammerspiele München, meint ja und bastelt daraus so etwas wie dürre Bühnengespenster, deren endloses Gerede man nun bei der Premiere am Samstag zwei sehr lange Stunden zu ertragen hatte. Sieben Schauspieler der ersten Garnitur ( Benny Claessens, Hans Kremer, Annette Paulmann, Wiebke Puls, Steven Scharf, Risto Kübar und Thomas Schmauser) sitzen auf der Bühne und lesen aus dem auf 40 Seiten zusammengekürzten Original-Text vor. Hinter ihnen eine Combo, die zwischen den künstlichen und verbalen Aufgeregtheiten sich müht, etwas schrille neu-tönerische Dramatik in das Ganze zu bringen. Auch das ziemlich vergebens und überflüssig.

Man fragt sich, ohne das NSU-Thema in seiner Bedeutung zu relativieren, und angesichts der höchst realen Tragödie der IS-Barbarei und Menschenschlachterei in der Welt, wie weit darf sich Theater von solch bedrängender Aktualität entfernen, wo es dazu doch weit treffendere Stücke, etwa von Shakespeare gäbe, als die immergleiche Suada Frau Jelineks zu der gewiss grauenhaften Misere mit der kleinen verblödeten Nazigruppe, die sie auch noch metaphysisch zum Ausdruck der „deutschen Seele“ erhöhen möchte. Sie liefert bloßen Stoff, statt diesen zur Form einer entsprechenden Handlung zu läutern. Das Versagen der staatlichen Ermittler und Geheimdienstleute ist viel beschämender, viel skandalöser, als es in den abstrakten Anklagen Jelineks zum Vorschein kommt. Hat sie völlig die Nerven verloren und hält ihre Materialsammlung zum Thema inzwischen schon für Kunst?

Die Aufführung fängt schon völlig schräg an, in dem der Schauspieler Hunstein vom Zuschauerraum aus im hell erleuchteten Saal sich als fuchtelnder und herum brüllender Zeuge gebärdet, der irgendeine abstrakte Mordsache beklagt, von der nichts Konkretes zu Tage kommt, nur eine Melange aus banalen und
hoch pathetischen Phrasen einer in die totale Sinnfinsternis katapultierten Rede.
Verlegenes, krampfhaftes Lachen einiger Zuschauer, das rasch verklingt, denn das Ganze scheint doch tief ernst gemeint.
Danach, wenn er endlich aufhört mit seinem wirren Gebrüll, entsteht eine diffuse Gerichtszene, in deren Mitte ein Richter seinen mit und neben ihm Platz nehmenden Lesungsteilnehmern mehrmals „guten Morgen“ wünscht und nun vergebens Licht in die dunkle Angelegenheit zu bringen sucht. Vergebens, denn die Angeklagte Zschäpe schweigt beharrlich, wie wir wissen, und auch die sich als unsichtbar- sichtbare Propheten vorstellenden Akteure an den Lesepulten, die sich hin und wieder ihre schwarzen Kapuzen über den Kopf ziehen, bringen nur Sprachmüll zu Gehör; bestehend aus Zeitungsberichten, vermengt mit Zitaten aus der Bibel, aus Celangedichten und Brechtsprüchen. Das Ganze nennt man apologetisch Textmontage, aus der hervorgehen soll, dass die Bühnenfiguren längst Sprechautomaten geworden sind, die nie mehr wissen können,was sie sagen. Denn die Wahrheit existiert nicht mehr, sie ist von der Lüge nicht mehr zu unterscheiden. Das ist eine der Botschaften Frau Jelineks, in die sie ihr düsteres,apokalyptisch gefärbtes Ressentiment gegen Deutschland mischt, das Land,das noch immer der Humus sei, aus dem die Nazibrut immer von neuem aufersteht und mordet. Denn der Schoß der Jungfrau, die als Mord und Totschlag bringender Archetypus an der deutschen Unheilsquelle immer wieder im Text auftaucht, ist, wie es bei Brecht heißt, fruchtbar noch und wird es ewig bleiben. Wenn Frau Jelinek das tatsächlich meint, dann hätte sie das in einer dramatischen Handlung plausibel zu machen, statt es immerzu nur monoton , in symbolisch verquaster Rede zu behaupten. Der Regisseur Simons bemüht sich, ihr brav zu folgen und aus der Textflächenvorlage halbe, blut- und fleischlose Rollen zu schaffen, denen die Worte, die sie zu deklamieren haben, keine Konturen geben, sondern ihnen ständig über den Kopf wuchern, sodass nie klar wird, wer was warum vertritt und gegen oder für wen Stellung nimmt. Es existiert eben nur eine einzige geschwätzige und immer wieder schwülstig- pathetische Rede, die beliebig unter den sieben Sprechern aufgeteilt wird. Das ist weder amüsant noch irgend eine Sache, ein Problem oder sonst etwas erhellend. Wir hören nur immer wieder, dass Frau Jelinek unter Deutschland leidet, das sie darum hasst und verachtet und auf den Fluch des Christentums zurückführt,gegen das sie mit allen Kalauern, die sie in dem ihr zuhandenen Sprachmüll finden kann, zu Felde zieht. Dabei unterlaufen ihr Sätze, die die Avantgardistin der Lächerlichkeit preisgibt, zum Beispiel, wenn sie im Lied „Sein und Wahrheit“ in zynisch sentimentaler Verstellung das schweigsame Mädchen Zschäpe bedauern lässt: „ Alle werden es mögen/ ach, wohin wird es gehen?/ Gewissheit darüber ist schwer zu erlangen/ Der Geist der Wahrheit hat die Welt nicht empfangen.“
Solchen Lyrikdreck ließe sich ein aufgeklärtes Theaterpublikum wohl nicht gefallen. In München aber weiß man, das Ganze ist eine deutsche Bußandacht, der man sich fügen muss und applaudierte darum beinah frenetisch.

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