Der Bürger als Künstler

der allseits beliebte und berühmte Erzähler Thomas Mann machte daraus ein possierliches Problem und wollte damit wohl die Differenz von Goethes Wilhelm und dessen Freund Werner etwas verzuckern und versüßen. Mir als einfachem Landedelmann, der vollkommen anders von seinem Erbe lebt, ging dies Mannsche Problem-Gerede nie sehr zum Herz. Ich glaubte nicht daran.
Natürlich hat der Bürger mit seinen ökonomischen Interessen heute auch gar keine Bildungsprobleme mehr. Auch die spendable Bürgerin, man sagt dazu heute die Sponsorin, sucht sich heute doch keinen Dichter mehr, dem sie zu Füßen fällt, sondern bevorzugt dafür lieber irgendwelche Popgrößen oder sexy Schlagerstars. Die Bürger (und die Bürgerinnen natürlich auch), die heute neben ihren Geschäften und Pflichten noch ein bisschen eine Kunst ausüben, etwa Bilder malen oder nette Geschichten oder Gedichte schreiben, empfinden damit keine größeren Probleme mehr. Sie haben Zeit und unterhalten gute Beziehungen zu den lokalen Kulturverwaltern, die ihnen gerne hin und wieder Ausstellungsräume, Auftritte und Publikationsmöglichkeiten verschaffen. Das verursacht fast gar keine Kosten.
Die Beschäftigung mit den Künsten verleiht den einigermaßen gut situierten Leuten ein kreatives Image und viel Ehre. Geld brauchen sie dafür kaum eines.

Das einst von Thomas Mann hoch stilisierte Problem hat sich aufgelöst, seit die ehemaligen Linken, die Feinde der bürgerlichen Gesellschaft, sich mit dieser versöhnten und sie umtauften zur sog. „Bürger-Gesellschaft“.
Ein netter Trick übrigens, der kaum jemand auffiel.
Der Bürger selber hat sich verwandelt, er ist zum normalen Kunden herunter gekommen, Bildung und Kunst sind für ihn zu dem geworden, was man früher vom Fußball gerne sagte: die schönste Nebensache der Welt.

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