Der Mime Erwin Steinhauer

Das Genie des Mimen Helmut Qualtingers war auf allen Bühnen daheim, auf dem Brettl wie auf dem Staatstheater, auf dem Filmset wie in den Fernsehstudios. Legendär und Maß gebend wurden unter anderem seine Auftritte mit Szenen aus Karl Kraus‘ Tragödie „die letzten Tage der Menschheit“.
Erwin Steinhauer, der mit vielen Preisen und Trophäen ausgezeichnete Wiener Schauspieler, begann 1974 seine Mimenlaufbahn ebenfalls mit Kabarett-Auftritten, bevor er auf den großen Bühnen und in vielen Filmen die Hauptrollen übernahm.
Jetzt hat auch er Szenen aus Kraus‘ Menschheitstragödie auf 2 CDs beim Wiener Mandelbaumverlag herausgebracht. Natürlich kennt er Qualtingers Versionen genau und versucht deshalb gar nicht erst in Konkurrenz mit ihm zu treten, sondern schlägt eine andere Richtung ein. Auch ist seine Auswahl aus dem Mammutwerk viel kleiner, umfasst gerade mal knapp 50 Szenenausschnitte von insgesamt über 200 Szenen. Der Nörgler, die Hauptfigur des Dramas, das die Apokalypse des ersten Weltkriegs behandelt, kommt nur zweimal und jeweils am Ende der 2 CDs zu Wort. Also, es ließe sich vieles einwenden gegen die mangelnde
Abbildung des Ganzen und doch werden Kenner und Liebhaber des literarischen Werkes solches Nörgeln weniger wichtig finden, als den neuen, bemerkenswert nüchternen Ansatz, mit dem Steinhauers Intonation und Wiedergabe einzelner Szenen aufhorchen lässt. Seine Darstellung nimmt eine genau ausgemessene Distanz selbst in den Szenen, die sehr expressiv und im Dialekt oft ins Dämonische hineinschlagen, so als wollte er noch etwas anderes zeigen, neben seiner Fähigkeit, sich mit Wonne und Verve in die Karikaturen hinein zu versetzen, um aus ihnen Figuren aus Fleisch und Blut zu machen. Er kennt die Versuchung, mit Humor und mimischer Bildhauerei zu beschönigen, was in Wahrheit grässlich und allenfalls die Dignität von Vogelscheuchen erreicht.
Er versucht deshalb den Ãœbergang des expressionistischen Theater in jenes andere Schauspielermetier, das Brecht mit seinem epischen Theater wohl meinte, anzudeuten.
Steinhauer übertreibt und forciert sein großes Nachahmungs-Talent nicht, er nimmt es sogar etwas zurück und zeigt es gleich wohl, er feiert auch nicht die Abgründe im goldenen Wiener Herz, das sich damals ins Grauenhafte verirrte, wo es heute nicht mehr ausnahmslos schlägt. Qualtinger hat die Kraus Szenen in die Gegenwart verlängert, indem seine Interpretation die fortwährende Aktualität des schrecklichen Stückes behauptete, ja verifizierte. Nach ihm hat sich der Wiener nicht aus der Barbarei fortbewegt sondern verharrt darin lediglich in anderen heutigen Kostümen der Demokratie und des liberalen Geredes. Steinhauer widerspricht dem, er versteht und gibt wider,was der Vorfahr verbrach und im Schrecken verfehlte. Doch die verhängnisvolle Vergangenheit reicht nicht ungebrochen ins Heute herein. Steinhauer historisiert die Szenen und Figuren unmerklich mit leiser Distanz. Er nimmt Abschied von ihnen und gibt sie wie zum letzten Mal. Den Abschied inszeniert er auch mit seinen betont sachlich gesprochenen Regieanweisungen, die Qualtinger noch mit der Verruchtheit und der verdammten Höllenlustigkeit in die Szenen hineinzog. Darin Kraus‘ Stil folgend, wenn er den in der Mottenkiste der Historie verschmachtenden Nestroy in dessen Nachwelt, die von Kraus verfluchte Gegenwart zurück holte.

Erwin Steinhauers Interpretation könnte richtungsweisend sein für künftige Versuche mit der Tragödie auf dem Theater. Ein Weg, der gangbarer erscheint als die fixen Aktualisierungseinfälle des üblichen Regietheaters. Die Begleitmusik der zwei CDs, mit der die 4 Musiker wohltuende Pausen schufen, teils in meditativer Stimmung, teils mit sanft schrägen, die Satire unterstützenden Stücken, passt sich der Stimme Steinhauers an, und gestaltet mit ihr ein Denkmal der Erinnerung. Die Tragödie der Urkatastrophe ist noch nicht ganz vorbei. Steinhauer und sein Musiker -Ensemble empfinden sie nach, von ihrem Heute aus.

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