Halbtrauer und Süßsaures

Aus einem Roman von heute: „Er überwand nur mit Mühe den Abscheu, den ihr Anblick ihm bereitete.“
Kann ein Anblick Abscheu bereiten, oder muss er ihn nicht – wenn schon, denn schon : erregen, evozieren, hevorbringen? „Bereiten“ klingt in dem Zusammenhang doch nur affig und preziös. Will sich der Autor für das Gefühl seines Protagonisten entschuldigen, etwas erklären, abmildern, das doch eigentlich schrill, ja sehr widerwärtig ist. Oder will er damit sagen, dass seine Roman- Figur sich alle Mühe gibt, die bürgerliche Facon zu wahren, es sich nicht anmerken zu lassen, was der Anblick ihm angetan hat? Muss er nicht eher wegschauen, um den Schmerz zu mildern? Muss es nicht heißen: Roman konnte ihren Anblick kaum ertragen, er sah weg, Roman vermied es, ihrem Blick zu begegnen, um ihr seinen Abscheu nicht allzu deutlich zu demonstrieren. Das hätte Zurückschlagen bedeutet, dafür hatte er zuviele Schuldgefühle, denn er hat sie wohl betrogen. Er liebt eine andere. Was geschieht hier, was folgt aus dieser Situation? Die prompte Abwendung, der spontane Entschluss den Raum zu verlassen, um die Szene nicht eskalieren zu lassen? Oder dient der Abscheu jetzt als Initialzündung für einen dramatischen Konflikt, der nun zum äußersten führen soll? Wie du aussiehst, so möchte ich, so kann ich dich nicht dulden, zieh dich um, setze eine andere Miene auf, gefälligst, so bist du mir unerträglich? Aber nein, der Autor hört nicht auf, den Leser in seine Halbwelt der falschen Gefühle hinein zu zerren: „ Sie hatte sich hinter der Maske eines starren süßsauren Schmunzelns versteckt und rührte sich nicht, als Roman ihr gegenüber am Tisch Platz nahm“. Was soll ich mir unter einem süßsauren Schmunzeln vorstellen? Jetzt kommt eine dritte ins Spiel und macht Roman Vorwürfe, er habe die Betrogene so entstellt, deren Anblick er nun kaum ertragen konnte, aber warum nahm er dann Platz? Um sich solche Vorwürfe anzuhören, von Billie, der dritten Person, die er eigentlich liebt und der Verabscheuten vorzieht: Billie geht mit ihm ins Gericht: „ sieh sie dir an, diesen Menschen hast du ruiniert.“

Es reicht, so fühlt sich der literarische Kitsch an, der die sogenannte Beziehungskisten-Prosa ausfüllt, nun schon mehrere Jahrzehnte lang. Dafür gab’s Büchner-Döblin- und andere Preise. Die Kritik war selbst in diese Kitsch-Kisten verstrickt, korrumpiert von der Unaufrichtigkeit, die aus erpressten Schuldgefühlen hochdramatisches Pathos herauswirtschaften will. Bedeutung, Halbtrauer unter gebildeten Kühen.

Das endet dann so: „ Roman beobachtete Billie durch das Fenster seiner Kälte und liebte sie um so mehr, als er sah, dass sie unter ihrem (irrigen)Wissen litt.“ Damit nicht genug, der Mann meint schließlich: „ dass er sie aufrichtig und über alles nur lieben konnte, wenn er ein ausgesprochen schlechtes Gewissen besaß.“

Das bereitet ihm wohl keinen Abscheu, sondern – nein, Schluss: ich glaube weder ihm noch dem Erzähler ein weiteres Wort.
Ich schlage das Buch zu.

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