Verschwiegenheit im Stil

Ich will mir abgewöhnen allen möglichen Verfall und Abfall zu bedauern und zu beklagen, es wird schon seine Richtigkeit haben. Die Natur weiß sich eh am besten selbst zu helfen. Der Weltuntergang ist nicht zu ändern, sagt Kierkegaard, doch man kann ihn immerhin beschreiben. Der kalten herzlosen Welt ist mit Präzision und Lakonie im Stil zu begegnen, nicht aus Rache, sondern wegen der Adäquation, um das richtige Maß zu treffen. Die Dosis Schweigen einzuhalten, die die Form zum größten Inhalt macht.
Darin ist der späte Ernst Jünger der letzten Tagebücher ( „siebzig verweht“) oft ein Vorbild. So schreibt er in einer Eintragung vom Januar 82 über das sprachliche Durcheinander von Fachjargons und Argots hierzulande: „ Während ein neues Analphabetentum entsteht, sind ganz oben nur einige wenige Köpfe auf dem laufenden.“
Die Sprache bringt es an den Tag, was ist.
Oder an anderer Stelle, ein Beispiel dafür, dass der späte Jünger sogar zu beißender Ironie Zugang fand, den er in frühen und mittleren Jahre nie hatte. Er besucht eine Arno Breker- Ausstellung in Berlin. Wohlmeinende Freunde warnen ihn, das könnte Schlagzeilen geben, alter Nazi und soweiter. Das interessiert ihn nicht, „ das gibts auch gratis“- ärgerlicher findet er ein Erlebnis, das er wie folgt kurz und prägnant wiedergibt:
Am Eingang der Ausstellung versperrt ihm ein stämmiger Student den Weg, der dort Wache hielt. „Wovor wollte er mich warnen? Vor „entarteter Kunst“? Die Anführungszeichen könnte man sich sparen; solche Typen durchwandern die Systeme und sind sich ähnlich wie ein faules Ei dem anderen.“

Der sarkastische Schluss ist an jene adressiert, die den Karneval der Ideologien gut kennen, der Rest ist dafür eh blind und taub. Diese Haltung finden einige der recht-gläubigen Zeitgenossen arrogant, in Wahrheit zeigt sie eine noble Gesinnung denjenigen Lesern gegenüber, deren Intelligenz man mit überflüssigen Belehrungen und Erklärungen beleidigt.

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