Circus Sarrasani

Der große Zirkus machte mir als Kind den allerbesten Eindruck in der Welt. Also ich meine damit die wirklich größten Namen : Sarrasani, Althoff, Krone. Nicht etwa jene heute die Anhänger der Grünen und viele Esoteriker anrührenden kleinen Floh-Unternehmungen, wo einer mit einer Ziege, einer Gans und einer Trompete auftritt. Nein, diese größten Namen gruben sich wie ewige Hieroglyphen in meiner jungen Seele ein. Mein Vater und meine Tante nahmen mich dorthin mit, wo ich die ersten Beweise meiner Männlichkeit zu bestehen hatte, als meine Tante sich ängstlich an meinen Vater schmiegte und nicht hinsehen konnte, wenn der Messerwerfer Enrico, ein großer schlanker Spanier, die im feuerroten Bikini aufretende schöne Jungfrau, die an eine runden Scheibe, die sich drehte, gefesselt ward, mit seinen Messern so bewarf, dass diese knapp neben ihrem Kopf, ihren Armen und Beinen mit dem punktgenauen Trommelschlag einschlugen. Dann jedesmal der Tusch des ganzen Orchesters und der Beifall des Publikums, bevor er das nächste noch größere und blitzendere Messer aus seinem glitzernden Anzug hervorzog und seine Nummer nochmal und nochmal steigerte. Mein Vater, der meine Tante in den Armem hielt, zwinkerte mir zu und bestärkte mich in meiner Zuversicht, dass Enrico die Jungfrau nicht töten würde, so riskant und todesmutig seine Würfe und so großartig die Todesverachtung der Jungfrau auch war. Wie betäubt schaute ich hin, beherrschte meine Angst, und sah schließlich wie erlöst von ihrem panischen Schrecken meine Tante sich wieder aus der Umarmung meines Vaters herauswand. Mein Vater bestätigte mir mit einem kleinen Lächeln, dass ich die Prüfung meines Mannesmuts gut bestanden hatte. Er erklärte, meiner Tante, dass der zornige Gesichtsausdruck Enricos keineswegs der tapferen Jungfrau galt, sondern sich auf die Anspannung bezog, mit der er darauf zu achten hatte, dass seine Würfe pfeilgerade an ihr präzises Ziel kommen und nicht etwa in einen leichten Bogen oder in eine Kurve absinken durften. Doch meine Tante war noch zu sehr erschüttert, als dass sie dieser Gedanken hätte gleich wieder besänftigen können.

Dennoch war Enrico nicht mein allergrößter Held. Mehr noch als ihn bewunderte ich den Dompteur der wilden fauchenden Tiger. Diese Nummer erhob den Zirkus Sarrasani für mich eindeutig noch über die anderen beiden großen Zirkus-Unternehmen, auch schien mir das Orchester bei Sarrasani das beste, vornehmste und den Nummern wie an ihre innerste Nervenanspannung angepasst und fort-komponiert. Auch fand die Tigernummer genau am nicht mehr zu toppenden Höhepunkt des Programms statt und wurde nicht etwa nachher mit einer läppischen Seehunddressur wieder verwässert und verläppert. Danach konnte nur der dumme August kommen, begleitet vom französischen Weißclown, um die Nerven wieder etwas in fröhlichere Bahn zurückzubringen.
Der vornehme im orange-roten Frack erscheinende Dompteur der Tiger, die gewiss auf dem Höhepunkt der Nummer an die zehn zählten, bewegte sich elegant im Takt der Melodien und Trommelwirbel, die ihn von oben am Zirkuszelt begleiteten und ermutigten. Er präsentierte sich als der Herrscher der Wildnis, setzte gleich zu Anfang seine Peitsche mit äußerster Schärfe in Szene, und sprach den folgsam sich drehenden und sich kunstvoll auftürmenden Tieren mit auch das Publikum beruhigender, tiefer Stimme ein großes Lob aus. Großartig wie in diesem Augenblick größter Harmonie zwischen Tier und Mensch das Orchester seine Lautstärke zurücknahm, sodass fast eine trauliche, schier paradiesische Atmosphäre der Ruhe entstand, bevor das Orchester in den nächsten schwungvollen Rhythmus einbog, den nicht jedes Tigertier sofort verstand, sodass der Dompteur sofort wieder seine Autorität mit einem scharfen Peitschenhieb klar und unwiderruflich deutlich zu machen hatte. Unglaublich dieses Gespür, das er für die seelische Anspannung der Tiger in jedem Augenblick hatte. Ich bewunderte ihn grenzenlos und verstehe nicht, wie ich seinen Namen, den ich solange behalten hatte, seit Jahren nicht mehr in meinem Gedächtnis auffinden kann. Ich schrieb schon den Zirkus an, aber dort wusste man nicht mehr eindeutig, ob der Mann der heute betagte Russe Alexej Ivanov war oder ob ich damals einen Stargast aus Australien erlebt hatte, zumal ich das Datum meines Besuchs nicht mehr genau angeben konnte. Man lernt in der Schule alles mögliche, nur nicht ein Tagebuch führen über die wunderbaren und eigentlich allerwichtigsten Ereignisse im Leben. Es war auf alle Fälle eine Nachmittagsaufführung, denn ich erinnere mich noch genau an die anschließenden Gespräch in einer Eisdiele, wo meine Tante,
die bis heute Mitglied in einem Tierschutzverein ist, die Tigernummer und noch mehr als diese besonders die Elefantendressur in ein irgendwie verdächtiges, unmenschliches Licht rücken wollte. Gut, die Elefanten geschenkt, dachte ich damals, aber ich verteidigte den Herrscher über die Tiger mit Verve, ja mit Inbrunst und wenn mir meine Tante anschließend nicht noch ein großes Schokoladenherz geschenkt hätte zur Wiedergutmachung ihres fatal falschen Urteils; hätte ich ihr das wahrscheinlich bis heute nicht verzeihen können. Mein Vater schwärmte damals in seiner schmunzelnden, halb ironischen Art von der Trapeznummer, die mir auch sehr gut gefiel. Da ich aber in der Internatsschule damals schon die große sensationelle Seiltänzerfamilie, die Adlertruppe Steyr erlebt hatte, die mit Motorrädern und zu dritt übereinander auf dem Hochseil wahrhafte Weltwunder vollbrachten, war mir die Trapeznummer bei Sarrasani und später auch bei Althoff nicht mehr als die allersensationellste erschienen. Das mag ungerecht sein, wie Kinder oft ungerecht in ihrem Urteil sind. Heute weiß ich: Die enorme Spannung der Adlertruppe auf dem Hochseil war eigentlich nur durch die Erzählungen zu ertragen,die eine Lautsprecherstimme vor den einzelnen Nummern eröffnete und dann auf dem Höhepunkt eines besonderen Aktes der Artistik weiter führte, ungefähr so: „Was Sie nun erleben werden, verehrtes Publikum, ist einmalig in der Welt. Fernando der älteste Sohn der Familie Steyr wird ihnen nun zeigen…“ und es war diese andächtige, ehrenvolle Tonlage, in der die Lautsprecherstimme sogleich beides verhieß: höchste Gefahr und größtes Vertrauen, denn Fernando hatte die Nummer bereits dreimal – In Lissabon, in Paris und in Tokio mit Bravour bestanden, bevor er sie jetzt zum vierten Mal hoch über unserem Schulhof ohne Netz und ohne jede Risikoabsicherung aber in größter, fast unmenschlicher Konzentration wieder wagen wollte. Der Erzähler sagte noch, dass Ferandno bei einer anderen Nummer schon einmal aus 40 Metern Höhe abgestürzt sei und 13 Knochenbrüche erlitt, doch alles gut überstand und also die Gefahr, die auch jetzt drohe, kenne wie kein anderer.- Ich höre diese Stimme noch heute und sie scheint mir die einzig gerechte Stimme zu sein, um von der geheimnisvollen Welt und ihren verborgenen Möglichkeiten zu reden.

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