Kunscht in Kempten

alle waren sie gekommen, die Rang und Namen haben oder solch würdiges Ansehen schon einmal hatten. Der Innenhof der schönen, alten Residenz war gefüllt mit Persönlichkeiten, es gab kaum mehr Sitzplätze, während auf der Bühne das Posaunen-Quintett Oberallgäu Süd famose Rhythmen zum Besten gab. Alle waren sie gekommen, vorne, ganz vorne: Sparkassen-Vorstände, Landtagsabgeordnete, Stadträte, der Landrat Toni Klotz, Industrielle wie die Dachser-Tochter, die seit Jahrzehnten jährlich zu Beginn der Allgäuer Festwoche, – eine Art Wirtschaftsmesse mit Volksfestcharakter, welche stets gleichzeitig mit der großen Kunstausstellung beginnt,- den Thomas Dachser-Kunstpreis spendiert.

Alt-Bürgermeister, Vertreter des Allgäuer Brauhauses, das für alle geladenen Gäste und es waren gewiss gut an die Tausend, alles Fußvolk am Rande mitgezählt, Freibier ausschenkte… Ach, es waren noch sehr viele bedeutende Persönlichkeiten des Allgäus und Bayerns, die der amtierende Oberbürgermeister Thomas Kiechle eigens, ja persönlich und feierlich begrüßte. -Nicht zuletzt natürlich auch den Geschäftsführer der großen Allgäuer-Zeitung- (Thomas Kiechle übrigens unverkennbar, am ganzen Auftreten bis in den Sprachgebrauch, -“auf und natürlich“, wie der Allgäuer zu sagen pflegt: ein Sohn jenes Ignaz Kiechle, der lange im Kabinett Kohl das Landwirtschaftsministerium zu lenken hatte..) Neben dem OB fuchtelte eine Gebärdensprachen-Dolmetscherin, sodass ich mich fragte, wie sie all die Formeln, die Kiechle gebrauchte, wohl an die gehörlosen Zuhörer bringen konnte. Denn Kiechle sprach mit Bescheidenheit und doch fast mit Emphase davon, wie unterschiedlich und vielfältig die Kunstwerke heutzutage alle seien. Er war selbst Vorsitzender der Jury und hatte aus den Kontroversen mit Augsburger Kunsthistorikern und Münchner Museumsleuten dort unendlich viel lernen können. Er betonte das mit Dankbarkeit. Zunächst aber dankte er noch jenen Organisatoren des heutigen Events aus dem Kulturamt und der Stadtverwaltung, ohne deren Fleiß und Umsicht alles nicht so wundervoll geglückt wäre, wie es jetzt doch für jeden hier an diesem wunderschönen Sommerabend zu erkennen und eine große Freude sei.
Last but not least hieß er auch noch die 57 Künstlerinnen und Künstler willkommen, die mit 66 Werken, die die Schranken der strengen Jury passieren konnte, in der Ausstellung ein wirkliches Erlebnis seien und zeigten wie schöpferisch und künstlerisch hoch lebendig unser schönes Allgäu ist. Bevor es nun zur Vergabe der Preise kam, spielte das Posaunenensemble Oberallgäu Süd nochmal einige wundervolle Evergeens, alle gebündelt in einem sog. Madley. Diese Pause nutzten jetzt einige, um ihr erstes Bier hinunter zu zischen, einige Honoratioren beeilten sich, schnell zum nächsten, zum eigentlichen Hauptevent der offiziellen Eröffnung der Allgäuer Festwoche durch Innenminister Hermann zu kommen, wo ebenfalls schon vorderste Plätze für sie reserviert waren.

Die Preisvergabe erfolgte dann relativ rasch, nachdem auch der Kulturamtsleiter der Stadt Kempten noch einige würdige Worte zur Kunst heute und ihrer Bedeutung für die Region Allgäu gesprochen hatte. Die Preise gingen an eine blutjunge Allgäuer Kunststudentin, die sich seit langem an der Akademie in Halle ausbilden lässt. Die Jury pries ihre enorme Materialempfindlichkeit, mit der sie sich in ihrer gipsplastischen Arbeit metaphorisch auf übereinander gestapelte Handtücher bezog. Befragt, wie sie denn gerade auf Handtücher gekommen sei, sagte sie, dass diese Textilien für sie schon immer die spannendsten gewesen sind. Der zweite Preis ging an einen etwas älteren Fotografen, der sich bei seiner Darstellung der Rillen auf einer alten Schallplatte besonders vom Song einer berühmten Popgruppe inspirieren ließ. Der Thomas Dachserkunstpreis schließlich, den die Dachsertochter Annemarie Simon, eine kleine ältere Frau im Feiertagsgewand, selbst vergab, ging an einen filigranen Zeichenkünstler, der in präziser Kleinstarbeit zum einen den „Aufmarsch der Fliegen“, zum andern ein Blatt mit Würmern schuf. Die Jury pries auch hier die Originalität, mit welcher der Künstler das Unscheinbare der Insekten-und Kriechtierwelt, die jeder kennt, mit größter Meisterschaft zum großen, bedeutenden Thema erhob. Die Preisträger bekamen einen großen Blumenstrauß, eine Flasche Wein und einen Scheck überreicht. Danach spielte noch einmal eine Band, diesmal mit einer Sängerin, die all die bekannten Hits der letzten Jahrzehnte zu Gehör brachte, während sich die Versammlung allmählich auflöste und in Richtung kaltes Buffet bzw. in die 65. Allgäuer Kunst- Ausstellung strömte.
Wieder war es gelungen, das zeigte die Ausstellung, von der in die digitale Zukunft aufstrebenden Kleinstadt aus, an die große globale Kunst-und Kulturwelt anzuknüpfen. Sämtliche Stilarten waren wieder vertreten, sogar eine Video-Installation war dabei und einige klein-skulpturale Werke, während im ganzen doch noch einmal die Gattung der figurativen und abstrakten Malerei die Hauptmasse repräsentiert. Aber wer weiß,was nächstes Jahre erst der Fall sein wird, wenn Medienminister Dobrindt von der CSU sein Versprechen hält und auch in der ländlichen Region Allgäu für eine bessere Internetanbindung sorgt.-Dieser Fortschritt wird gewiss auch die Kunst nicht ganz unberührt lassen.

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