Theatersterben

Der Kritiker Stadelmaier läutet heute wieder das Sterbegöcklein für den deutschen Theaterbetrieb. Dieser gibt seinem Publikum schon lange nichts Erregendes mehr, sagt er, keinen Rausch, keine außergewöhnlichen Erlebnisse, nur fixe Ideen, Alltägliches, es ist ein Jammer. Ich kann das bestätigen, ich hab es auch satt, gehe kaum noch ins Theater, die Regiefaxen sind immer dieselben. Alte Stücke verstehen sie nicht mehr, neue entdecken sie nicht, also dramatisieren sie Romane der Weltliteratur, die sich meistens fürs Theater nicht eignen und außerdem lässt sich der Leser dieser großen literarischen Werke nicht gerne bevormunden und liest lieber selber. Aber der Grund sei ja ein anderer, die Regisseure verdienen sich von den Subventionen noch ein beträchtliches Zusatzhonorar, wenn sie als Bearbeiter dieser Romane abkassieren.
Die Frage aber ist noch eine andere, die Stadelmaier nicht klar beantwortet. Haben die vielen Pseudogenies in den Regie-und Intendantenstühlen das Theater dermaßen herunter gewirtschaftet, dass das Theater am Ende ist, diese Frage beantwortet er mit einem Ja. Aber liegt es noch an etwas anderem, ist das Theater unzeitgemäß, wird es von der enormen Medienkonkurrenz einfach abgehängt, unabhängig von den vielen Dilettanten, die ihr Übriges tun, das Sterben zu beschleunigen und diesen Medien noch nachlaufen, sie nachäffen und ihre Themen Sex&crime übernehmen, wo sie nur können? Aber ist es nicht auch der Schwund der Bildung, die Unfähigkeit des großen Publikums ein Theaterpublikum zu sein? Denn ein solches hätte Ansprüche, geistige Ansprüche, die es auch äußern würde, und es sich längst verböte, dass man es gröblich für dumm verkauft und sich diesen Scharlatanen niemals anpasste auf so windige und peinliche Weise. In Ulm kürzt der Intendant die Klassiker auf ein Stundenformat zusammen, gibt den Faust ohne Gelehrtentragödie -wen interessiert die noch?- und den Mephisto natürlich als Frau -weil er denkt, das Publikum käme vom Privatradio und könnte nicht länger als allenfalls eine Stunde aufmerksam sein. Fehlt nur noch, dass er Werbung zwischen die Szenen schaltet bei Schiller und Shakespeare, darüber denkt er vermutlich schon nach und verhandelt bereits mit den berühmten Fußballbrauereien. Das Ulmer Publikum ist brav und denkt, das sei sicher modern, was es da sieht und hört und auch die Stadtregierung ist wohl zufrieden mit diesem Frevler und dankt es ihm mit den Millionen, die es für ihn aus dem offenen Fenster wirft. Dabei kommen sie sich wie immer sparsam und zeitgemäß vor. Sie ahnen nicht, dass sie längst die Aufgaben des Totengräbers mit übernommen haben. Stadelmaier hat recht, das Theater wird zugrunde gerichtet, woran das liegt und wie das zu ändern wäre, das sagt er nicht, da hält er sich raus, er ist ja nur Kritiker, freilich der mächtigste Kritiker seit Jahren und bald geht auch er in Pension. Nach ihm und in Bälde die Sintflut, wird er sich denken.

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