Die schrecklichen Kinder

Peter Sloterdijks neues Buch -kühn geschrieben, amüsant zu lesen-wurde von dem miserbalen Kritiker G. Diez im Spiegel sehr dämlich beurteilt- er kann einfach nicht lesen und verbreitet üble Verdächte, wie schon einmal im Falle Christian Krachts- dass dem Spiegel nichts mehr peinlich ist- aber dies nur am Rande: dieses couragierte Buch wurde heute in der FAz einigermaßen richtig wieder gegeben. Leider vergaß der Rezensent Stephan Schlak uns zu sagen, warum dieses Buch gerade jetzt erschienen ist und auf wen es eigentlich antwortet.Dennoch, das Thema der bodenlosen, ihre Illegitimität nicht überwinden könnende Moderne ist getroffen.Sloterdijk widerlegt die scheinbar sakarosankte Kulturtheorie, die nicht begreift,dass die Moderne das verletzte genealogische Prinzip nicht heilen kann und drum orientierungslos- nach einem Wort Nietzsches- immerzu nach vorne stürzt, auf einer schiefen Ebene des Fortschritts, der folglich von einer Katastrophe in die nächste führt. Diese These belegt der aus allen akademischen, meist stinkfaden Gepflogenheiten tanzende Philosoph Sloterdijk mit vielen Beispielen, die so noch nie in Erscheinung traten. Sloterdijk betreibt eine metaphysische Kritik wider die geschichtsphilosophisch im 20. Jahrhundert einflussreich gewordenen Konstruktionen und bestimmt den Ort, wo wir uns heute ontologisch nach den euphorischen Aufschwüngen der Moderne befinden.Nämlich im Hiatus der Bodenlosigkeit.
Dabei sind dem Autor die Kapitel unterschiedlich geglückt. Meisterhaft erzählt er in historischen Miniaturen ein paar symptomatische Ereignissse nach und deutet sie neu, als Schaltstellen auf dem Wege in den Abgrund, den er anspielungsreich und wortspielerisch im übrigen, mäandernden Text mit der literarischen Lockerung eines philosophischen Feuilletons diskutiert und immer von neuem variiert. Dabei zieht er einmal erzählerisch das Tempo an, dann wieder verweilt er länger, seinen Gegenstand des Hiatus, der Lücke, in der die Moderne als Bastard der Geschichte heraufkam,umkreisend, bei Auseiandersetzungen um Begriffe Heideggers etwa, oder Nietzsches, Wittgensteins, Freuds und vieler anderer.

Man fragt sich, woher er die Energie bezieht, seinen düsteren Befund mit soviel Sprachlust und kritischer Verve in sein ins Unendliche zielendes Denkspiel zu bringen. Der Leser wird angesteckt von dem Vergnügen des Autors, immer neue Belege und Fundstücke für seine These beizubringen und zu erläutern. In der heillosen Welt, in der wir Enterbten, zu jedem Erbe unfähigen Kinder des Schreckens einfach weiterwurtseln, nichts Rettendes dabei zuwege bringen, geht es wohl nur noch darum, die knappe Lebensfrist möglichst geistreich und kontemplativ zu verbringen. Denn im Ernst geht es um nichts weniger als eben um diesen. Denn was sie das „volle Leben“ nennen, ist nur Füllung, nur Füllung der Leere. So sprach Walter Serner, einer der Propheten des Widerstandes.Der Ernstfall ist die Falle, die es ein kurzes Leben lang spielerisch und hartnäckig zugleich zu vermeiden gilt. „Nach uns die Sinflut“, zitiert Peter Sloterdijk die vormoderne, aus dem Nichts in den höchsten Glanz aufgestiegenene Madame Pompadour.

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Ein Gedanke zu “Die schrecklichen Kinder

  1. Hi tui aus den Vorhöfen des Elysiums,

    … nach eingehender Recherce der persönlichen Sünden versteht sich; „du Individuum“ sagt im Vorraum zur Himmelspforte der befohlene Prüfer dessen seines Herrn in vermeintlicher Bestimmtheitsofficience über die Mitglieder der Hölle, … wir erinneren uns an ihn, jenem Verstoßenen.

    Hört sich so an als ob Sie dieses neue Buch von dem Sloterdijke doch ganz gerne mögen. Es besagt doch die Hoffnungslosigkeit der Hoffnung …“die Hoffnung stirbt zuerst“, welche Elendigkeit der Selbsttäuschung wenn die Hoffnung jeweils immer zum Schluß sterben würde. Aber so sind die altbackenen Sprüche.

    Ganz früher, fast ein halbes Jahrundert meines Lebens ist es her, hatte ich jenen Peter Sloterdijke als ´Typus des Niederländischen Faschisten´ bezeichnet. Ich befand diesen getoppten Opportunismus zum Bösen in dieser Hinsicht, damals noch in der Ägide der ´Entnazifizierung´ dem ich mich selber als Schlüsselkind zuordnete, an der Person des neu in die BRD Eingereisten Peter S. bezeichnend. Es war wohl mangels diskreter Beispiele, Bea v. NL war ja auch noch Single. Nun ja, Rudi Dutschke hielt ich zunächst auch für eine aufgesetzen Genialogen aus der Ernst Cassierer Provenienz, dem Biedermeier eines zum Scheitern verurteilten Symbolismus, vielmehr Symbol-Verstandes …“Gruß Karl Raimundus Popper“. Michel Friedmann erwähnte jenes in seines Briefen an Günter Grass der Zeiten. Hört sich wohlmöglich langweilig-gähnend und/oder aufgesetzt an, aber ich befand mich in dieser Zeit damals, durchaus mit Recht, recht superiorisiert.

    „… Denn im Ernst geht es um nichts weniger als eben um diesen“, verstehe ich ehrlich gesagt grammatisch nicht wirklich. „Füllhorn…“, quasi-Mythos des Völkischen.

    „Nach uns die Sintflut…“ ein bedeutender, von den politologischen Politkern politisch benutzter Satz der Aussage. Sag‘ einer das Volk wäre nicht beteiligt. Ich sagte grad letztens irgendwo in einem Kommentar, das die Wissenschaft jenes Ingenium des biblischen Noah neuerlich – denn durchaus sinnig – als in einem tümpelhaften See rumschippernd klassifiziert – logischer Weise g.M. Aber so sind se… in weidlicher Hinsicht dessen. Oh zur Erde herabgebrachter i.V. … der Teilnnahme. Auch in diesem eine gewisse selbstheitliche Verselbständigung des Verständisses der Verständigkeit.

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