Zum Tode eines Prinzen

Heute überhäufen sie den toten Herrn Schirrmacher natürlich mit Lorbeerkränzen, dass er ersticken müsste, wäre er nicht schon ins Jenseits entwischt. Die FAZ lässt ausgerechnet ihren größten Flachdenker, den Popjournalisten Reents den Nachruf verfassen. Und wie überschreibt er ihn? Natürlich vollmundig wie immer: „Ein sehr großer Geist.“ Nein, das war er gewiss nicht, obschon er Vieles und Wichtiges darstellte. Am bemerkenswertsten war sein ungeheuer rascher Aufstieg, vom Hospitanten zum festangestellten FAZ-Redakteur. Kaum lernte er diese Position auszufüllen,wurde er sogleich zum Reich-Ranickinachfolger und Literaturchef gekrönt. Im Alter von 30 Jahrenm, mit 34 avancierte er zum Feuilletonchef und Herausgeber der FAZ, also bitte, das brachte ihm natürlich sofort eine ganze Legion von Neidern ein.
Aber natürlich ist niemand auf Erden zu beneiden,auch kein Prinz. Schirrmacher merkte sofort, dass mit der schönen Literatur, die er studiert hatte, übrigens auch äußerst rasch im größten Karrieretempo, nicht viel Ruhm zu ernten wäre in dürftiger Zeit, also machte er sich an die Zeitdiagnose und schuf in der Grandseigneurhaltung eines Scholl-Latour wie dieser populäre Bestseller und Sachbücher, die von den übrigen Medien begierig aufgegriffen und debattiert wurden.Er war fortan Stammgast in allen Talkshows und Zeitgeistkonferenzen. Er war mit 40 Jahren schon paulskirchenreif, obschon er noch aussah wie ein kleiner Junge, der den mächtigen Chef zu spielen hatte. Er war umtriebig und ehrgeizig, zu Besinnung und längeren Nachdenkpausen blieb ihm keine Zeit. Er war gefragt wie kein anderer, das galt es auszumünzen für das Geschäft und das Image der Zeitung. Ein Getriebener, der einem Leid tun konnte. Insofern war an seiner hochgeschwinden Karriere ganz nach oben, immer weiter nach oben,eine Zeittendenz gut abzulesen. Nämlich das Motto: Jetzt bist du dran, also beeil dich, aus allem was du kannst immer mehr herauszuholen, mache all dein Tun zum großen Markenzeichen. Die Zeit drängt immer unerbittlicher. Das gilt jetzt für jeden, der noch in den Rang der Medienprominenz aufsteigen möchte.Die Plätze dort sind begrenzt. Und obschon er längst am Ziel war, konnte er dem Joch des rasenden Tempoterrors nicht mehr entkommen.
Da ereilte ihn der plötzliche Herztod. Zu früh,als dass er mit der Gelassenheit des Alterns noch einmal hätte zurückschauen können,um das wirkliche Meisterstück erst noch zu vollbringen. So wurde er aus seinen allzu raschen Anläufen, Skizzen und Debattenbeiträgen jäh herausgerissen und Opfer der Epoche,die ihm alles bedeutet hat.

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