Volkskunst ohne Volk

das Volk ist untergegangen, Reste davon existieren natürlich noch, die Erinnerungen an es belebt die Volkskunst, so gut und lustig es halt geht. Ist das nun traurig, nur ein Verlust? Wenn man die großen Volkschöre bei Beethoven, Wagner und Verdi hört, denkt man: ja, es ist jammerschade. Andererseits klingt das Volk dort viel schöner und heroischer, als es jemals sein konnte. Es ist eine Verklärung des Volksgeistes, eine Stilisierung des alten Materials zu ideologischen Zwecken. Die schöne Wehmut im Ohr, sie erinnert mich an die wundervollen Darstellungen der Armut beim spanischen Murillo oder auch bei Spitzweg.

Die Moderne danach hat das Dulden verpönt, dagegen den Protest profiliert. Den Aufstand der Massen, den Ortega y Gasset, der Philosoph, beschrieb. Das Volk mutierte zur Masse.
Wie zuletzt am Majdan in Kiew, wo wir wieder das betrogene leidende Volk als romanmtisches Fragment inmitten der Masse sehen konnten. Doch welche Führer hat es wieder erkoren, wohin lässt es sich führen, in die Ideologie der europäischen Konsumgesellschaft, oder in die heroischen Kulissen des russischen Nationalismus? Am Ende wird eine trübe Mischung aus beidem herauskommen, das Volk wird sich endgültig auflösen und seine Unschuld verlieren.

Bei uns aber wird indessen alles immer noch funktionalistischer, das Wort „funktionieren“ hat Hochkonjunktur. Man hört es überall. Es darf nirgends fehlen. Alles muss funktionieren, die Arbeit, sogar die Arbeitslosigkeit, die Integration, die Ehe, die Bildung, für alles gibt es Muster, Schablonen, Formate und Organisationen, in denen jedermann unterkommt. Das Vorbild sind unsere Maschinen, an die wir uns halten. Klappt das nicht, entstehen massenhaft neue Krankheiten, die interessanten Rätsel für Mediziner. Diese bringen uns unter in neuen Kollektiven der Betreuung, wo wieder etwas ähnliches nachwächst wie das Volk einst. Das Volk der Verlierer und Schwachen. An deren Therapierung wirkt wieder die Kunst mit, die Kleinkunst des Volkes. Denn lachen sei auf alle Fälle gesund, berichten die Statistiker.

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3 Gedanken zu “Volkskunst ohne Volk

  1. In der Medizin gibt es auch eine Maschinengläubigkeit(denn die Maschine funktioniert). Das Denken wurde so gut wie abgeschafft. Der Patient fordert überall ein MRT.
    In Pfuschprozessen ist oft die erste Frage: „Gab es ein MRT?“. Es wird nicht mehr gefragt . “ War der Arzt fähig? Konnte er differentialdiagnostisch denken? Oder war er der Sache überhaupt noch gewachsen, so dass er nämlich die Steckerlesmedizin einschaltete…Jedes Gerät ist nur so gut wie sein Bediensteter. Das Gerät funktioniert meistens/immer. Funktionierte der Bedienstete/der Arzt? Manchmal spucken diese Geräte auch die Ergebnisse aus. Sie sind meist/oft katastrophal falsch. Die Dummies unter den Ärzten (davon gibt es leider viele) glauben daran. Ganz abgesehen davon, dass es ihnen manchmal(leider) egal ist. Sie schicken dann von einer Maschine zur nächsten.(um ihre Ruhe zu haben und weil sie nicht weiter wissen) Ringüberweisung nennt man das. Dann entstehen immer neue Krankheiten (durch die Maschinen) und jeder (Arzt)pickt sich was raus. Und weiter geht’s im Kollektiven der Betreuung. Aber niemand fragt, ob es die Ärzte drauf haben (das Volk, wie du es nennst, meint mir gegenüber immer, dass die Ärzte alle gleich klug sind- nur der Herr Professor, der ist fast wie Gott- lach mich schlapp- das wird dann die Krönung , wenn man privatversichert ist. ).
    Der Heilpraktiker darf dann auch noch mitmischen, denn jener will Geld für seine Scharlatanerie/herrliche Heilkunde und er hat dann etwas „Pflanzliches“ und es bringt den Patienten mit mittlerweile zig Krankheiten durch die zig Maschinen deutlich um den Euro im Geldbeutel. Das tut weh, aber dann hilft es auch etwas.Der Patient kommt dann erlöst in die Sprechstunde und schwärmt von der Erlösung durch den Heilpraktiker oder Osteopathen. (Hat zwar nur ein Schweinegeld gekostet- aber das Zahlen funktionierte. Leider kommen die Beschwerden bald wieder *schluchz- so ist das beim Placeboeffekt.)

    Wenn der Patient lernen würde, dass weniger (also eine stromgesteuerte Maschine)
    mehr wäre und zu ersetzen wäre durch einen empathischen , engagierten, denkenden Arzt, dann würden wir immense Kosten sparen. Leider ist das Gesundheitssystem so gepolt, dass es denkende Ärzte nicht mehr bezahlt. Der dumme Arzt, der die Maschine besitzt, verdient am meisten. Ob er sie bedienen kann, ist egal. Das wird nicht kontrolliert. Er tut so, als ob er es könnte.“Pseudofuktionalität“. Ich finde dieses Wort solle Einlass finden in unsere Diskussionen. Denn es wird viel gefaked.

    Die Kleinkunst und das Lachen sollten/müssen sogar helfen. Aber hast du, Hand aufs Herz…generell gesehen, die Ulmer viel lachen sehen?

    Jetzt wo du im Allgäu wohnst,beschreibst du es gut: ja die, die lachen und sind komisch.
    Sie verlieren ihre Funktionalität in der Komik und danach funktionieren sie wieder.(manche zumindest, weil sie Kraft in der Unschuld getankt haben)

    Das Volkstheater hat noch seine Unschuld und deshalb mag ich es gerne. Ich denke mit Wehmut an den Komödienstadl zurück – Michl Lang ist auch in Kempten geboren gewesen (ich sah neulich Maxl Graf als Fischerknecht Bonifaz-ein Genuss(!!))

    Quenzel , ich sehe es nicht so pessimistisch. Solange es noch die Volkskunst auf dem Lande gibt ist noch lange nichts verloren. Vergiss die Pseudokunst an manchen Theatern (du weißt was ich meine). Das ist eher zum Abtörnen und zum Weinen und für die Funktionalisten. Dort geht man hin um gesehen zu werden und sich zu „profilieren“. Dort tankt man keine Unschuld. Diese Kunst ist fad und abscheulich. Ohne Unschuld und Kreativität. Irgendwann kommt schon wer und fegt sie weg.

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  2. was du über die Medizin erzählst, ist interessant und entspricht genau dem Zeitgeist oder besser: Dem Maschinenwahn heute. Der Maschine verzeihen sie alles und ihr Bediener kann sich inmmer hinter sie zurückziehen,sich hinter ihr verstecken. Und wenn die Maschine nicht mehr helfen kann, dann ist es eben zu spät. Dann kann evtl. der Heilpraktiker noch für eine Verlängerung in der Nachspielzeit- (hätte beinah geschrieben: Nasch-Spielzeit) Sorge tragen.
    Was die Volxkunst angeht, teile ich deinen Optimismus nicht ganz,es gibt sie zwar noch und auch grandios wie im Falle Polts, aber oft werden nur noch die Reste der Tradition verjubelt darin. Der Volkshumor wirkt dann wie Opium fürs Volk, die gute alte Zeit wird beschworen, siehe die SWR Nostalgiereihe „Hannes und der Bürgermeister“. Die funktioniert mir auch zu geölt, zu recycelt, zu gut.
    Deinem Urteil über das Staatstheater stimme ich im großen Ganzen zu, es interessiert außer der dekadenten Luxusklasse keinen mehr, es ist nur teuer und affengeil, sonst nichts.

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  3. Ich meinte das Theater nebenan, das den „Danton“ so herrlich inszenierte, dass uns damals fast die Ohren abfielen. Ein faszinierendes Paradestück für den Zerfall der Literatur, des Geschmacks und Verstandes von Regisseuren und Intendanten in einer Provinz.
    Ein Paradebeispiel von Dysfunktionalität, Pseudofunktionalität hinter der ein Sinn steckt. Der Macher muckt nicht auf, er dient den Oberen und gehorcht. So will man es. Sitz, Platz und Aus. Dafür gibt es dann gebratenen Danton. Und lachende Metastasen. Hahaha.

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