Deutsche Nasen

Ich gehe noch immer dieselben Wege, früher direkt in die Gesellschaft hinein, jetzt mehr an ihr vorbei. Ich versuche immer noch zu verstehen, warum und wie der Betrieb läuft. Jetzt mehr von außen, die alten Bedürfnisse sind mir fremd geworden, ich nehme nirgends mehr länger Platz. Ich begreife, dass die Lebenszeit für uns alle zu kurz ist. Kaum ist man aufgebrochen, schon befallen einen die Krankheiten, daran Ãändert auch der neue Gesundheitswahn wenig. Joggt ruhig wie die Blöden, der inneren Gicht entgeht ihr nicht.
Warum, haben uns das die Utopisten, denen wir eine zu lange Weile so gerne folgten, nicht gesagt? Das Leben ist zu kurz für lange Pläne und Vorsätze. Ich sitze im Haus gegenüber dem einst elterlichen Balkon, wo ich mit 20 Jahren so fasziniert die Texte Adornos las. Sie waren wie Rätsel, die ich knacken wollte. Es war heiß und ich wäre besser schwimmen gegangen, aber ich kam nicht weg von der rätselhaften Schrift dieses Verführers. Sein Pessimismus reizte mich wie ein exotisches Parfüm, das mich irgendwohin führen müsste, wo ich noch nie war. So glaubte ich.
Dann begannen bald meine langen Westberliner Jahre in der Frontstadt, wo ich den vergangenen Krieg in seiner ganzen Grausamkeit noch überall riechen und sehen konnte. Ich weiß nicht, ob ich ohne diese Zeit in der ideologisch vom kalten Krieg enorm aufgeladenen Stadt jemals hätte erfahren können,was das Wort Deutschland noch bedeutet. Ich weiß es nun, und bin manchmal erstarrt vom Schrecken der Wiederholungen. Sicher hat sich vieles geändert, selbst die Schalterbeamten sind lockerer geworden, fast überall. Auch sie haben das getürkte Koofmich- Lächeln gelernt. Doch die Mentalität hat sich nur getarnt und schaut überall wieder heraus, wenn man den Brechtschen Verfremdungseffekt einzusetzen versteht, selbst hinter den progressivsten Visagen lauert noch immer die Frage Lichtenbergs: „Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen als putzen lernt?“
Denn die das Sagen haben, riechen noch immer, wer zu ihnen gehört, und wen sie besser draußen halten. Überall fürchten sie den Verrat ihrer unsauberen Geschäfte. Den Einbruch der sorgsam renovierten Fassaden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s