Die Zeit ist rätselhaft geworden

wir glauben nicht mehr so recht an die Zukunft, sie hat die alten Schecks bis heute nicht eingelöst. Der Fortschritt ist eine marode Kategorie geworden, die zwar noch immer mit technischen und medizinischen Erwartungen lockt und reizt, menschlich aber wenig Hoffnungen nährt, uns eher Furcht einflößt. Gleichzeitig lässt uns die Vergangenheit nicht los, bedrängt uns ständig mit ihren alten Märchen und den darin neu in den Blick geratenden Gestalten. Und die Gegenwart ist ein Timepool voller Daten und Ereignisse, voller Reklame, die wir kaum erfassen, geschweige in einen klaren Ordnungs-Zusammenhang rücken können. Die einen reden von einem Wertewandel, der uns erfasst habe, die anderen von einem unheilvollen Wertezerfall. Handfeste Interessen und glückliche Zufälle bestimmen unsere Perspektiven auf sie. Und das Geschwätz der Zeitungen und Medien, sie hätten einen objektiven Blick darauf, wohin der Hase der Geschichte laufe, wird mit jedem Male noch lächerlicher. Zuerst war die Geschichte zu Ende, zum posthistoire zerronnen, eine Saison später schon kehrte sie wieder zurück. Welch Kauderwelsch der Zeithistoriker.
In der Epoche wimmelt es mittlerweile wieder von Propheten, die in schneeweißen und pechschwarzen Sagen das Blaue vom Himmel herunter holen, um es allen zu predigen, was sie zu erkennen glauben.
Grau ist nur die Trübsal derer, die zwar nicht klagen wollen, weil das längst aus der Mode gekommen ist, die aber auch nicht mehr auf das Glück oder den Erfolg hoffen können, wovon sie schon so lange träumen. Eine gewisse Müdigkeit und Fadheit legt sich über die Dinge, die in der Vergangenheit schöner erschienen sind und in der Zukunft wohl gar nicht mehr da sein werden.
Da bleiben noch die Wege nach innen, zu denen uns die Weisen aus dem Osten führen, wie man sagt.

Während ich so vor mich hin grübelte, kam mir plötzlich das Interview wieder in den Sinn, das unlängst ein ehemaliger Außenminister einem der führenden Blätter gab. Ihm gehe es gut jetzt, er vermisse die Politik gar nicht. Er habe vor kurzem eine Stiftung gegründet, die den „german Mittelstand“ als Konzept überall in der Welt propagiere und fördere. Viele Leuchttürme wolle er bauen. Der Mittelstand sei nun mal das Rückgrat wirtschaftlich blühender Länder wie Deutschland. Er sei noch viel optimistischer geworden, jetzt da er jeden Parteigeist ablegen und mit allen unvoreingenommen sprechen könne.
In welcher Zeit mag sich dieser Leuchtturmbauer wohl fühlen, denke ich.
Seine Vergangenheit war nicht sehr berauschend, hat ihn die Politik immer nur gehindert, die Zukunft zu betreten, in der er jetzt schon überall lauter Leuchttürme stehen sieht?

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