Marina Abramovic

Sie ist wohl die bedeutendste Performance-Künstlerin, weil sie in jeder ihrer Aktionen über die Grenze des Schreckens geht.
Dass Marina Abramovic letzte Woche auf der Basler Kunstmesse nackt am Kreuz hing, ist eine Meldung, die uns vergegenwärtigt, dass die Symbolkraft der Kreuzigung ästhetisch ihre Bedeutung gerade dadurch, dass die historischen Kontexte der einmaligen Opferhandlung wie ausgelöscht sind, erhalten hat. Der Gekreuzigte hat sein Geschlecht mit dem einer Frau vertauscht, die mit ihrer Nacktheit keine Schamgrenze mehr verletzt, wie das sonst in perversen SM- Studios der Fall sein mag, sondern sie hat mit ihrer Blöße nur das Kostüm gewechselt, das morgen schon wieder ein anderes sein kann.
Ich kann mir gut vorstellen, wie eine Gruppe von Nonnen die ästhetische Kreuzigung besucht und einige von ihnen sich an einen Traum erinnern, zu dem sie sich bisher nicht offen bekennen wollten. Außerdem warum soll die Frau durch die Kreuzigung nicht auch so nah an den Vater-Gott heranreichen wie der Mann, den trotz all seiner Sanftheit Jesus repräsentiert? Hier öffnen sich in dem symbolischen Akt jede Menge sexuelle und gendermäßige Assoziationen. Sexuelle und religiöse Symbolik werden untrennbar eins. Beide Momente transzendieren die Realien, auf sie sich entfernt beziehen.

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Die schrecklichen Kinder

Peter Sloterdijks neues Buch -kühn geschrieben, amüsant zu lesen-wurde von dem miserbalen Kritiker G. Diez im Spiegel sehr dämlich beurteilt- er kann einfach nicht lesen und verbreitet üble Verdächte, wie schon einmal im Falle Christian Krachts- dass dem Spiegel nichts mehr peinlich ist- aber dies nur am Rande: dieses couragierte Buch wurde heute in der FAz einigermaßen richtig wieder gegeben. Leider vergaß der Rezensent Stephan Schlak uns zu sagen, warum dieses Buch gerade jetzt erschienen ist und auf wen es eigentlich antwortet.Dennoch, das Thema der bodenlosen, ihre Illegitimität nicht überwinden könnende Moderne ist getroffen.Sloterdijk widerlegt die scheinbar sakarosankte Kulturtheorie, die nicht begreift,dass die Moderne das verletzte genealogische Prinzip nicht heilen kann und drum orientierungslos- nach einem Wort Nietzsches- immerzu nach vorne stürzt, auf einer schiefen Ebene des Fortschritts, der folglich von einer Katastrophe in die nächste führt. Diese These belegt der aus allen akademischen, meist stinkfaden Gepflogenheiten tanzende Philosoph Sloterdijk mit vielen Beispielen, die so noch nie in Erscheinung traten. Sloterdijk betreibt eine metaphysische Kritik wider die geschichtsphilosophisch im 20. Jahrhundert einflussreich gewordenen Konstruktionen und bestimmt den Ort, wo wir uns heute ontologisch nach den euphorischen Aufschwüngen der Moderne befinden.Nämlich im Hiatus der Bodenlosigkeit.
Dabei sind dem Autor die Kapitel unterschiedlich geglückt. Meisterhaft erzählt er in historischen Miniaturen ein paar symptomatische Ereignissse nach und deutet sie neu, als Schaltstellen auf dem Wege in den Abgrund, den er anspielungsreich und wortspielerisch im übrigen, mäandernden Text mit der literarischen Lockerung eines philosophischen Feuilletons diskutiert und immer von neuem variiert. Dabei zieht er einmal erzählerisch das Tempo an, dann wieder verweilt er länger, seinen Gegenstand des Hiatus, der Lücke, in der die Moderne als Bastard der Geschichte heraufkam,umkreisend, bei Auseiandersetzungen um Begriffe Heideggers etwa, oder Nietzsches, Wittgensteins, Freuds und vieler anderer.

Man fragt sich, woher er die Energie bezieht, seinen düsteren Befund mit soviel Sprachlust und kritischer Verve in sein ins Unendliche zielendes Denkspiel zu bringen. Der Leser wird angesteckt von dem Vergnügen des Autors, immer neue Belege und Fundstücke für seine These beizubringen und zu erläutern. In der heillosen Welt, in der wir Enterbten, zu jedem Erbe unfähigen Kinder des Schreckens einfach weiterwurtseln, nichts Rettendes dabei zuwege bringen, geht es wohl nur noch darum, die knappe Lebensfrist möglichst geistreich und kontemplativ zu verbringen. Denn im Ernst geht es um nichts weniger als eben um diesen. Denn was sie das „volle Leben“ nennen, ist nur Füllung, nur Füllung der Leere. So sprach Walter Serner, einer der Propheten des Widerstandes.Der Ernstfall ist die Falle, die es ein kurzes Leben lang spielerisch und hartnäckig zugleich zu vermeiden gilt. „Nach uns die Sinflut“, zitiert Peter Sloterdijk die vormoderne, aus dem Nichts in den höchsten Glanz aufgestiegenene Madame Pompadour.

Deutsche Simulationen

Früher haben die Deutschen gekämpft bis zum Umfallen, wie gesterm die Russen, jetzt machen sie die Spanier nach, üben sich im schönen Spiel, wollen den Ball am liebsten ins Tor tragen, denken sich hübsche Spielzüge aus, brilieren ein bisschen vor dem Strafraum, und versuchen dann wie Handballkreisläufer schnell in den Strafraum einzudringen. Alles Nachahmung, gut geübt, schön anzusehen, aber wir wollen beides, auch wieder den Kampf sehen, die strotzdende Kraft, die Zähigkeit, sonst verschwindet unser Nationalcharakter auch noch im Fußball ganz. Das wäre doch schade. Ganz früher haben wir doch auch den Franzosen die Liebe nachgemacht, die wir lange nicht kannten, und trotzdem haben wir nicht aufgehört mit dem Saufen. Heute saufen wir auch nicht mehr,wegen des Herzkreislaufes. Was wird bloß aus uns, ein weibisches Männervolk, verweichlicht,Nichtraucher, halb schwul,und unsere Werte? Was ist mit denen? Im Fernsehen ersetzen die Lackaffen die gestandene Männlichkeit, sie übernehmen die weichen Themen, während sie den toughen Maiden, die so grimmig und kantig blicken können wie nie, die Politik und die harten Fakten überlassen. Ein fortwährendes Grinsen und Lächeln stellen sie indes alle zur Schau, tun supertolerant, laden vorwiegend arme Randgruppen und Migranten in ihre keimfreien,gelackten Studios und flüstern: bloß keinen Streit bitte!! Nie wieder Krieg!!wir haben doch alle nur eins im Sinn? Was denn? Psst!! Na, Sie wissen schon, wir brauchen das hier nicht mehr laut hinausposaunen, sonst wecken wir nur wieder unsere Barbaren auf, die gottlob noch immer gut schlafen, zur Zeit. Oder sie sind bereits abgereist in den Dschihad bei den Arabern.Ihre alten Gene trieben sie dorthin.Wenn sie zurück sind, fangen wir sie ein und therapieren sie,endlich.

Wiederkehr des Immergleichen

natürlich, die Kostüme ändern sich wie die Meinungen,wie die Ideologien, die Mentalität, die Charaktere, die Tonfälle aber bleiben die immergleichen. Die Schamlosigkeit eines SA-Berserkers hat sich nicht gewandelt, als sich der gleiche Typus in den 70er Jahren plötzlich als RAF-Attentäter ausgab. Ein Berliner Straßenkehrer, der schon in der Weimarer Republik in Hindenburg einen Helden erkannte, der ein deutsches Denkmal verdient habe, das übrigens heute noch überall herumsteht, er hatte den gleichen fanatischen Tonfall wie der Brandenburger Linke, der gestern erst Präsident Gauck als einen Kriegshetzer beschimpfte. Lob, Jubel, Fluch und Schimpf unterscheiden sich in gewissen deutschen Phänotypen nicht so gravierend, wie es die verschiedenen Wort-Moden und Inhalte gerne behaupten.
Man würde von weitem doch vermuten, dass passionierte Nichtraucher oder auch die Pazifisten, weil sie es so gut meinen mit ihrer Botschaft, sanftere Töne anschlagen als etwa Schlägertypen oder politische Randalierer. Doch weit gefehlt, sie ähneln sich in allem, außer in den scheinbar ganz gegensätzlichen Inhalten, mit denen sie ihr Treiben tarnen.

Wir haben keinen blutigen Krieg zur Zeit, das stimmt, doch einen Wirtschaftskrieg haben wir schon und zwar wie noch nie, der zum Verwechslen ähnlich klingt, für alle die noch Ohren haben und der auch seine Gefallenen und Abgestürzten fordert, die man sorgsam im Unsichtbaren vergräbt und verbirgt.Man lasse sich nicht blenden von den falschen Bildern, fakes&Fassaden, man schärfe seine Kunst des Hörens,vornehmlich auf das Hören der gebrauchten Sprache, dann wird deutlicher, wo wir sind und leben.

Amerika im Fußball

Viele Amerikaner haben heute die harte Probe zu bestehen, patriotische Hochgefühle zu entfalten für einen Fußballsport, dessen Regeln und Faszination sie kaum kennen. Dazu kommt, dass sie 90 Minuten vor der Glotze ohne Werbeunterbrechung zu überstehen haben. Das ist auch für die Konsumenten unseres Privatfernsehens oft hart, denen auch immer klarer wird, dass die Qualität der Werbe-Gags und der kleinen pointierten Filmspots Sinn und Funktion des übrigen Programms weit übertrifft. Außerdem schaffen die Werbepausen Abwechslung, Zeit für die Nutzung anderer Medien und die Gelegenheit, mal wieder zum Kühlschrank zu gehen, um Getränke und fastfood zu ordern.
Diese Szene der Fußballpause wird übrigens auch in einem deutschen tv-Spot von dem Mittelfeldgenie Schweinsteiger im Kreise seiner Fans formidabel performt, wenn er kurz darauf, nur Minuten später, auf dem WM-Rasen brilliert und seine präzisen Querpässe serviert.
Das Medium selbst ist die Botschaft. Das Fernsehen geht vor allen anderen Programmfüllungen und Contents, auch im Fußball. Doch sollte das Match heute für die US-Soccerboys blamabel enden, dann hat sich die fremde Sportart für Amerika auch gleich wieder erledigt.
Die Amis sind das Siegen gewohnt, wo sie verlieren, wenden sie sich mit Grausen ab. Aus Niederlagen machen sie sich gar nichts. Stolz und Würde des Verlierers kennen sie nicht. Das ist etwas für die anderen, für die Skandinavier und die heißblütigen Südländer, die daraus ihren kulturellen Mehrwert ziehen. Für die Amis ist das Bullshit, nichts sonst.

Der Stil Peter Sloterdijks

Der Stil Peter Sloterdijks, auch in seinem neuen Text: „die schrecklichen Kinder der Neuzeit“, ist oft monströs, unnötig kompliziert, schwankend zwischen Medienjargon und sophistischer Terminologie. Doch seine poetischen Einfälle und Deutungen der Ideengeschichte sind dennoch interessant und manchmal sogar originell. Auch sein Befremdung über die Ideologen des 20. Jahrhunderts, ihre Selbstgewissheiten, etwa die Lenins und dessen Gewaltbereitschaft, teile ich. Sie führten die Dummen nach Hameln und verheizten sie dort. Schrecklich und idiotisch zugleich.
Interessant auch seine Reflexion auf die Euphorie hie und die Abwehr des Fortschrittsbegriffs dort. Wie trivial sie die Geschichte missverstanden haben, von heute aus ist das kaum fassbar, so simpel und trivial.
„ Was von der einen Seite aus als gewusster und gewollter Fortschritt auf langen, manchmal gewundenen Alleen ausgelegt wird, erscheint der anderen Partei als chronisches Nach-vorne-Stürzen , das sich als Tat, als Projekt und planvolles Handeln camoufliert.“
Die Metapher des Sturzes nach vorne entlehnt er Nietzsche, die langen Alleen sind etwas ungenau, und er meint wohl die verkwasten Abhandlungen der marxistischen Geschichtsphilosophie, die heute noch immer von den 68ern und ihren Anhängern geglaubt werden.
Sloterdijk beschreibt die geistige Obdachlosigkeit der Modernen, in der Folge der französischen Revolution. Dort geschah ein Bruch mit dem Alten, mit der Tradition, doch sieht er auf diese, vermutlich um seiner Kritik der Moderne ein Fundament zu geben, zu gutgläubig, zu bedürftig, um einen Grund unter seinen Gedanken zu spüren.
Er gehört selbst doch auch zu den Obdachlosen, er findet nicht zu einer Religion, zu einer Offenbarung, die ihn zur Poesie hinrisse und die Krücken der soziologischen und philosophischen Termine wegwerfen hieße.
Schade, eigentlich, er wagt es nicht, ganz auf das Terrain der Metaphern überzusiedeln. Er sichert sich ab auf der Basis seiner akademischen Studien, die er mit Amusement und allzu angestrengtem Ehrgeiz in seine Art philosophisches Feuilleton transkribiert.