Die Antiquiertheit des Menschen

Narzissmus, Paranoia und Aberglaube sind die Säulen, vielleicht sollte man genauer sagen: die Seuchen des gesellschaftlichen Imaginären in dieser postmodernen Wüste von heute, schreibt Robert Pfaller.
Lebensgenuss wird sofort als Sucht identifiziert und verdächtigt, die Lust ausgetrieben, Erotik wie jedes gesellschaftliche Spiel ersetzt durch Pop& Porno.
Man ist nicht mehr höflich, wozu? Man fingiert nichts mehr, wo man den allgemeinen Stumpfsinn für Authentizität hält.
Jeden Anspruch der Gemeinschaft wehrt das Ich als Fremdbestimmung ab, es möchte nur sich selbst erfahren und ahnt nicht, wie hohl und leer es dabei ist. Am schlimmsten betrügt sich die Jugend dabei selbst, die nichts anderes kennt und anbetet als den Fortschritt der Technik.
Nicht ahnend, dass sie bei diesem blinden Vorwärtssturm des tönernen Goliath, dem sie fanatisch zujubelt, lediglich als Konsument und bald schon überhaupt nicht mehr gebraucht wird. Die anonyme gigantische Technik hat die Subjektrolle usurpiert, die einst von den falschen Heroen besetzte Geschichte ist zur puren Technikgeschichte mutiert, gestützt von der allmächtigen Naturwissenschaft, deren Lenkung von ungebildeten Funktionären und geistfernen Ingenieuren und Sportlern übernommen wird.
Günter Anders hat uns das Schicksal, in einem wesenlosen Timepool zu landen, prophezeit in seiner Schrift : „ Die Antiquiertheit des Menschen“, die jeden Tag noch aktueller wird. Wann wird der Widerstand dagegen endlich erwachen? Ein englischer Literaturkritiker hat gestern in der Süddeutschen festgestellt, der Kapitalismus löscht die Vergangenheit aus, die Geisteswissenschaften werden aus der Universität verbannt, weil sie nicht den geringsten Reibach bringen. Doch das Fatale sei dabei, dass die Zerstörer, die Konstrukteure der Bildung von Bologna und Pisa, also der Bildung für Idioten, nicht wissen, dass ohne Vergangenheit auch keine Zukunft mehr möglich sein wird, sondern nur dieser Andersche Timepool, in dem wir heute schon herum schwimmen bei facebook und Co und und unser dummes Zeug in die Luft plärren.
Mir kommt dabei wieder einmal die Einsicht des ungeheuer tapferen Karl Kraus in den Sinn, der früh im letzten Jahrhundert schon vorhersah, dass der Untergang der Welt eine Banalität, nichts als ein dumpfes Fortfretten bedeute, wenn erst einmal die eigentliche Katastrophe, der Niedergang des Geistes, endgültig angebrochen sei.
Es ist so weit. Wer den gegenwärtigen Kapitalismus nicht aktiv bekämpft und sabotiert, wird sein Opfer.

Advertisements

6 Gedanken zu “Die Antiquiertheit des Menschen

  1. Die Nummer fehlte noch in ihrer Sammlung, obwohl wohl doch auch nur als Varianz ´des Nämlichen´ gemeint.

    „Die Gesellschaft als imaginäre Institution“ wie C. Castoriodis „Marx reformiert hatte“, sollte man einem Axel Honnet in ´Merkur – Zeitschrift für europäisches Denken´ Glauben schenkt haben ~Gruß Habermas. Sie wären doch so’n Assi für den? In Festanstellung, dann brauchen se sich nicht mit so dämlichen Redenentwürfen rumzuplagen ‚ ;). In Ihrer Ulmer Provenienz könnten se dann als Dante rumlaufen.

    Meinten Sie eigentlich ´heute´ oder ´Heute´? ´Morgendland oder Abendland? ~ die Nummer mit der Sonne. ´Dawn´ oder ´Sunset´, früher wo die Girlies mit Rollschuhen noch waren, mit flowers in the hair, Sonnenbrille versteht sich.

    Ohh… „Stumpfsinn für Authentizität“, mit „ha“ wie Unterhanh des Geistes. Das ist das erste Anzeichen, ~ verdächtig, verdächtig. „Selig sind die Armen“, … obwohl ja die Schere auseinandergeht, in x-Milliarden Lichtjahren, wissenschaftlich in Meter gemessen, wahrscheinlich ein bißchen mehr als die Arbeitgeber und Politiker sagen. Nun ja, Goethes Italiensche Briefe~ wo der ja Gelato gegessen hatte und nicht Eis, sind – zumal vom begeisterten Amtsschimmel – weidlich prekär reflektiert.

    „Es ist so weit. Wer den gegenwärtigen Kapitalismus nicht aktiv bekämpft und sabotiert, wird sein Opfer.“ ~ Wir sind das schon längst „oh Wonne!“.

    Einen zum Musikalischen: http://www.youtube.com/watch?v=7Gttxr12ssY

    Moin

    Gefällt mir

  2. schön, dass ich sie manchmal amüsieren kann. Das Ende darf nicht ohne Heiterkeit verstreichen, oder? „Ich als der Dante von Ulm, naja..“ Sie Spötter in der Diogenestonne, an meinem Wege…

    Gefällt mir

  3. Sei nicht traurig Quenzel, der Kapitalismus kann dir nichts anhaben- das weißt du auch. Schimpfe munter weiter.(Vom Berge herunter)
    Pfaller ist gewiss klug, aber wie wir inzwischen wissen, verehrt er Philosophen wie Octave Mannoni, die den Sex als nicht ist nie ich-konform bezeichnen. Er stimmt diesem zu, er ist ein geistreicher Kopf…
    Die Triebe hat er abgespalten(?) Man muss nicht an alles glauben, was andere schreiben, auch wenn sie noch so klug scheinen, oder gar sind.(Sind sie?Ist das die eigentliche Frage?)
    Ein wenig erscheint es mir, als sähe er den Sex ähnlich wie die Technik. Und das Philosophieren das geschähe nur im Reinen…und wäre dann ich-konform…
    Du siehst, es hat mich beschäftigt.
    Mizzi aus dem Tal

    Gefällt mir

  4. es kommt darauf an, Mizzi, wie man das Ich versteht,es ist nicht so monolithisch,wie es gerne sein möchte. Hinter dem agierenden Ich steht das beobachtende,die Konformität oder Identität der beiden ist eine Illusion, es bleibt ein Riss, den das Ichideal nach außen verbergen will. Indem das Ich die Sehnsucht nach Identität für eine Realität halten muss, folgt es dem Kapitalismus,der den Selbstbetrug zu belohnen verspricht. Das Ich kann nie ganz es selbst sein. Sein fiktiver Charakter ist seine mangelnde Substanz.

    Gefällt mir

  5. Dann sind viele derer , die uns ihre Theorien vorbeten auch nur jene ,die dem Ich-Ideal nachhecheln wie läufige Hunde. Was soll ich davon halten? Sie schmähen die Triebe und verleugnen sie bei sich selbst, wandeln aber zwischen zwei Welten und spielen uns und sich etwas vor. Allmählich dünkt mir welch zerrissene Geister in diesen Denkern stecken/steckten. Wenn sie den Kapitalismus verfluchen /verfluchten, dann vielleicht auch nur deshalb, weil sie selbst immer wieder in diese Falle tappten und dafür banal und vulgär wurden im Handeln und Denken. Sie suchen die Schuld draußen , anstatt bei sich selbst. Das Ich kann sehr wohl ganz es selbst sein- durch Verzicht. Das dimmt ihre geistige Größe- für mich zumindest.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s