Fluch des Zitats

Wer in der Öffentlichkeit spricht, wird als Handelnder wahrgenommen.Glückt ihm das Zitat daneben, bleibt ihm ein Fleck am Kittel. Wie dem Intendanten des Münchner Residenztheaters, der zur Zeit an seiner Inszenierung von Goethes Faust herumbosselt. Was mag er sich wohl gedacht haben, als ihm folgender Satz über die Lippen rutschte:
„Ein Wissenschaftler, der noch nie Sex hatte und den Stein der Weisen sucht, kann im 21.Jahrhundert nicht die Hauptfigur sein.“
Will er dem Faust im gleichnamigen Drama eine Nebenrolle verpassen,in der er erst einmal einen Sex-Coach des 21.Jahrhunderts aufsuchen wird,der derweil für ihn und den Jahrhundertspaß die Hauptrolle übernimmt? Um zur Kenntnis zu nehmen, dass wenn der Stein des Weisen irgendwo liegt, dann doch in der Sexualität, wie jeder Wissenschaftler von heute schon lange weiß. Man kann das Statement drehen und wenden wie man will,man findet den Stein des Anstoßes nicht, auf den der Intendant wohl hinaus will. Die Bürgerin und der Bürger lassen sich doch im Theater heute nicht mehr provozieren. Oder war der Herr Intendant betrunken, als er so redete und zufällig ein Journalist dabei stand?

Wie immer: Ich möchte jedenfalls keine Faustinszenierung besuchen, in der Faust nicht die Hauptrolle spielt, mit welchen Sexualerfahrungen auch immer. Er verführt immerhin das Gretchen gegen Ende des ersten Teils,ist das nichts? Kann der Intendant da nicht ein bisschen Sexspielzeug dieses Jahrhunderts in die Aufführung hinein bringen,oder das Gretchen zusammen mit dem Mephisto ein bisschen fisten? Damit das Publikum den Wissenschaftler noch einmal ganz bierernst nehmen und der Sexmissbrauch an Kindern brisante Aktualität erhalten kann?
Die Sache mit dem Stein der Weisheit glaubt heute eh keine Sau mehr. Oder? Deshalb wollen die Alternativen den Faust eh schon lange vom Schulkanom nehmen. Denn ein Schwuler lässt sich aus ihm einfach nicht gegen den Text herausbürsten,und das Gretchen ist den Feministinnen schon lange ein christliches Ärgernis. Bleibt die Frage, wozu bringt Herr Kusej den Faust neu heraus? Vielleicht mischt er den Urfaust auch mit einer Textfläche Frau Jelineks zum Thema Gretchen/Gudrun Ensslin?

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