Radiokunst

Die Radiokunst ist gerade dort die höchste, wo sie sich einem Gegenstand zuwendet, der sich dem Dogma zufolge fürs Radio überhaupt nicht eigne. „Das geht nicht, das ist ein optisches Thema“, ruft der amtierende Redakteur. Dabei ist gerade der Sportredakteur im Radio der außergewöhnlichste Exzentriker und Rhetoriker, wenn es ihm gelingt, der Dramatik im Fußballstadion nicht nur zu folgen, sondern sie mit Leidenschaft sogar noch zu toppen. Unvergessen etwa auch die Radiodramen, die ein Gerd Rubenbauer anlässlich der spannenden Auftritte Boris Beckers am Center Court zu schildern verstand. Wie er das Gesicht Beckers, die Reaktionen in seinem Umfeld und die Begeisterung des Publikums mit erlebte, das war die virtuose Verschiebung des Ballspiels in eine Wortschlacht eigener Güte. (sui generis)
Es ist Radiogeschichte, deren Selbstreflexivität gerade im Kulturradio ihren genuinen Ort hätte, wenn es nicht dauernd und stur auf den standardisierten Kultursparten beharren wollte. Kultur im Radio hätte immer wieder auf die Eigenart ihrer Selbstpräsentation zu setzen, um sich gelegentlich und unerwartet dem scheinbar Kulturexternen anzuverwandeln, wie es der Literaturkritiker und Semiotiker Roland Barthes betrieb, als er sich statt den literarischen Knüllern der Saison unverhofft der Deesse von Citroen oder dem Striptease zuwandte. Zu solchen geistreichen Ausflügen bedarf es freilich sowohl der Originalität des Betrachters, als auch dessen ausdrückliche Lizenz, Konvention und offizielle Programmatik zu konterkarieren. Wie erfrischend könnte nach dieser verfremdenden Methode gerade im Radio auch von der Politik gehandelt werden, wenn deren schablonenhafte Darstellung immer wiederkehrend, in den stündlichen Nachrichten, regelmäßig auch aus der parodistischen Ecke zu Gehör gebracht würde.
Sprachparodie und Sprach-Kritik enthüllen auf das vergnüglichste die
offiziellen Sprecher als Agenten des Zeitgeschmacks und der Mode. Ähnlich dem Theater, wo man vor Jahrzehnten noch viel gebrüllt hatte, heute dagegen mehr nuschelt und heult, jetzt da das Pathos der Botschaften völlig verbraucht erscheint.
Radiokunst ist gesteigerte Zeitreflexion, Gegenpart, Konkurrenz zur Zeitung, der sie weder folgen noch ähnlich werden darf. Stimmlagen,Tonfälle und Klangfarben erinnern nicht an Gedrucktes. Wo es im Kulturradio nach Papier riecht und raschelt, verliert es seine Besonderheit, Potenz und Charakter der Diversität in der gesprochenen Sprache.

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