Rhetorik begrünt oft die Leere

Wenn einer, der einen höheren Posten bekleidet in der Welt, und zum Interview gebeten wird, muss er natürlich etwas sagen, auch wenn er ik Moment vgar nichts zu sagen hat. Denn alles andere sähe feig und arrogant aus vor den Bürgerinnen und Bürgern.
Das Nichts aber bringt ihn in eine gewisse Zwangslage. So las ich gestern in einer Regionalzeitung die Statements eines Oberbürgermeisters oder Landrats, ich weiß es nicht mehr genau, der sein Nihil an Aussagekraft in etwas schrägen Metaphern zu verbergen suchte. Er sprach von der Verantwortung,  die er habe und die er deshalb niemals einfach abfließen lassen dürfe. Wieso er hier das Element des Wassers einbrachte, kann nur damit zusammenhängen, dass er noch ganz neu ist in der Verantwortung oder er suchte mit einer gewissen Brunnenfrische zu punkten, die den Leser fürs erste verblüffen sollte. Ein paar Sätze später sprach er dann von den Interessen der Bürgerinnen und Bürger, die für ihn immer, prinzipiell sagte er sogar,  im „Vordergrund stehen müssen“, ohne dass er diesen Vordergrund näher beschreiben wollte. Vordergrund genügt und klingt eben immer gut, dachte er wohl. Aber natürlich könnte man sich diese Interessen auch genauso gut im Hintergrund oder im Mittelpunkt vorstellen oder gar auf einem Nebengeleis. Aber er dachte wahrscheinlich wie die vielen Unternehmer, die für ihre Kunden auch immer nur die vordersten, besten Plätze reserviert halten. Was diese dort dann außer zuschauen und staunen sonst noch machen sollen, bleibt stets offen.
Dem honorablen Mann genügt es folglich dann auch nicht mehr, seine Gesetzestreue zu betonen, das wäre zu bescheiden, nein, ihm sei besonders daran gelegen, den „Rahmen der Gesetze für die Bürgerinnen und den Bürger voll auszuschöpfen“. Wieder das Wassermotiv. Jetzt versteht man das Abfließen der Verantwortung etwas besser, wenn man sich den Mann beim Ausschöpfen eines Rahmens vorstellt. Sein Amt scheint eine Art Wasserwerk darzustellen, in dem alle Interessen der Bürgerinnen und Bürger vermutlich zusammenfließen. Ich überlegte gerade schon, ob der Mann, bevor er Landrat wurde oder wie gesagt Oberbürgermeister, vielleicht Bademeister oder Rettungsschwimmer bei der Wasserwacht war, da überraschte er mich mit einer neuen Metapher, mit der er uns Leser nun in den Neuschnee führte. Er bildete, nach seinem anscheinend sehr populären Vorgänger gefragt, die wackere Sentenz: „ Wer in die Fußstapfen seines Vorgängers tritt, wird ihn nie überholen können.“
Jetzt war klar, der Mann hat mehr vor, er will nicht nur alte Wege austappen, er hat eigene Fußstapfen dabei, wenn er in den Schnee seines Amtes und sogar auf die Überholspur geht.
Natürlich, der Mann hatte eigentlich nichts zu sagen, aber das wenigstens wollte er schon selber ausdrücken. Mit eigenen Worten, die ihn zunächst auf eine schiefe Ebene führten, von dort aber soll es nun immer gerade aus gehen. Das trauen ihm die Leserinnen und Leser der Regionalzeitung, die ihre Interessen auch niemals auf Goldwaagen legen, ganz sicher zu. Der Mann wurde vielleicht vergeblich, aber niemals umsonst an die Spitze der Bürgerschaft gewählt. Sein Blatt war sicher voller Trümpfe, in der Hinterhand hielt er nicht nur noch das Ass der Nachhaltigkeit, sondern auch das Versprechen der trockensten Tücher und die kompetente Fokussiertheit seiner Visionen von morgen.

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