Verse in der alten Flaschenpost

In Rilkes Gedicht „Herbsttag“ heißt es in der dritten Strophe:

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben..“

Jetzt ist zwar nicht Herbst draußen, aber drinnen dräut grimmiger postheroischer Winter.
„Die meisten Leute haben einen Schnupfen,
die Eisenbahnen fallen von den Brücken“.

Das verkündete uns um 1900 schon der hellsichtige Jakob von Hoddis.
Seit damals sind wir Zuschauer, Konsumenten des Weltuntergangs.
Darum reden sie heute alle so viel vom Vernetzen, jetzt heißt es zusammenrücken, Freunde sammeln, zur Not auch bei der fragwürdigen Fensterfirma Facebook. Es ist kalt in der Welt, in der keiner mehr Zeit hat, weil er dauernd auf Draht, ja erreichbar sein muss. Vielleicht wird er doch noch gebraucht und muss nicht um Almosen betteln beim Staat und dessen Formulare ausfüllen für die Grundsicherung. Da darf  keiner mehr einen halben Quadratmeter Wohnraum zu viel beanspruchen, als der Staat ihm zumisst. Da muss er sich total „ehrlich machen“, wie das Unwort heißt. Sich ehrlich machen, nicht bloß ehrlich sein. Letzteres kann ja jeder behaupten, das glaubt kein Mensch mehr einem anderen. Man muss sich machen, ausziehen lassen, seine Haut ins Amt hinein tragen. Für einen Hausbau ist es eh längst zu spät.-
Das elegische Rilkegedicht ist nicht mehr aktuell. Seine Botschaft braucht einen härteren, rüderen Ton jetzt, um am Tor der Vergeblichkeit noch gehört zu werden. Heute geht man ins Netz, lässt sich fangen und hofft, dass die Marketingleute einen noch für verwendbar, ja nutzbar erachten. Vor Jahrzehnten, kurz vor der totalen Digitalisierung, redeten sie immerzu vom sozialen Sicherheitsnetz, das sie gespannt hätten,sodass keiner mehr ins brutale Nichts durchfallen könnte.
Lang ist es her und die Sozialingenieure von einst hocken heute als Greise in den Talkshows herum und erklären allen, wie sie das damals  nur gut gemeint hätten und von den neuen Netzen der elektronischen Epoche noch gar nichts wissen konnten. Damals galt noch der Rilkesatz: „Hier sein ist herrlich.“ Jeder besaß eine Stereoanlage und flog im Jahr zweimal um die ganze Welt.
Es fehlt eben immer an echten Propheten und die wenigen, die es gibt, können sich kein Gehör verschaffen, denn ihre Botschaft ist stets zu düster und niemals populär genug für die Stunde, wenn die Rattenfänger ihre Flöten auspacken. .

„in allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehen entzwei
und an den Küsten- liest man -steigt die Flut.“

Ja. man liest manches, schaut zu, hört immer wieder Unerhörtes. Brecht schrieb vor einem halben Saekulum die Verse:

„ Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)“

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