Viel Lärm um WDR 3 Kulturprogramm

Anlässlich einer WDR 3 Reform im Kulturprogramm ist jetzt eine weitläufige, sehr verworrene Diskussion bei der epd zu verfolgen. Darin maskieren einzelne Funktionäre und Redakteure der ARD ihre ideologischen Bildungs-und Erziehungsinteressen und reden viel von Kultur, die man jedoch gar nie definieren könne, ohne in der endlosen Wüste von Rationalisierungen zu verdursten.
Man solle doch schnell zu Potte kommen und Einfluss ausüben, um eigene Interessen politisch durchzusetzen. Sie meinen naturgemäß mit Kultur immer die Politik, die ihnen günstig wäre. Deshalb benötigen sie auch nicht die kultur-wissenschaftlichen Definitionen, die wenigstens formal stimmig wären und eine gewisse Strenge in die Debatte brächten. Nein, nein, die eigenen Interessen bleiben schön hinterm Ofen. Schließlich hat man in den Kultursendungen der Anstalten der ARD einmal gut verdient und nun drohen einem die Privilegien flöten zu gehen.
Dabei ist es gar nicht so schwierig, ein paar Grundbalken in das wissenschaftlich verbrämte Gerede hineinzuziehen , vorausgesetzt freilich, man lässt die egoistischen Interessen für ein paar Augenblicke aus dem Spiel. Vielleicht könnte man sie ja hinterher, nach dem Exkurs, den ich vorschlage, noch besser bedienen?

Natürlich, all die Sparten: Popkultur, Hochkultur, Regionalkultur müssen im Interesse einer möglichst breiten Hörerschaft berücksichtigt werden. Welche Selbstverständlichkeit. Man grenzt doch niemand aus. Nur, wie präsentiert und verbindet man diese Sparten, das ist eine ganz andere, viel wichtigere Frage.
Sie zu beantworten bedarf der besonderen kritischen Kompetenz und tatsächlich auch eines theoretischen Ansatzes, den ich hier jedoch nicht entfalten kann-

Aber zunächst schlage ich vor, unsere Erfahrung mit Kultur doch zunächst aus unserer Kulturgeschichte zu analysieren. Es kann doch niemand bei der Betrachtung dieser Kulturgeschichte übersehen, dass sie hauptsächlich eine Geschichte der Irrtümer und Fehlgriffe ist. Meistens wird in ihr eine Kunst und Kultur gepriesen,
welche die Epoche, in der das geschieht, kaum übersteht. Zum Beispiel können wir uns doch einigen, dass in der Zeit von 1900 bis 1930 sagen wir, bevor der blutige Adolf mit seinen Horden erschien, genau die Kunst, die wir heute hochschätzen in der ganzen Welt, also die Texte Kafkas, die Musik Schönbergs, die Künste Paul Klees, um nur ein paar der absoluten Bezugs-Größen zu nennen, in jener Epoche fast gar keine Rolle und kaum Beachtung gefunden haben. Und das ist durchaus typisch, ein zweites Beispiel mag das bestätigen: Die DDR Zelebritäten wie Christa Wolf, der Maler Tübke, der Film-Regisseur Konrad Wolf und viele andere, die sie in den Kulturprogrammen der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts noch hochgepriesen und bejubelt haben, es gab sogar eigens eingerichtete Lehrstühle der DDR-Literatur, sie überstanden schon kaum mehr die 90-er Jahre.

Was könnten die Redakteure der ARD daraus lernen? Erstens, dass Kunst der Gegenwart von dieser sehr schwer erkannt werden kann, da sie nicht in den Gewändern von gestern erscheint, der Irrtum in den Urteilen also Programm ist. Es sei denn, es existierten einige tatsächlich hellsichtige, sehr kluge
Kritiker,die den Zeitwind überwinden und zu ihm die nötige Distanz einnehmen können.-Das ist selten genug und wird von den mittleren Etagen der Redakteure meistens gar nicht erkannt, zumal diese Kritiker unter verschärfter Konkurrenz um Brot und Geltung zueinander stehen. Neuerdings sind unter ihren Konkurrenten sogar die als Kritiker verkleideten und äußerst gefragten Marketing-Experten unterwegs auf den Märkten.

Für den Begriff der Kultur innerhalb der Kultur in den Massenmedien heißt das, Skepsis und Distanz zu den kurrenten Kunsturteilen wahren.
Diese nicht ohne weiteres übernehmen,sondern eher das Umfeld der jenseits
von den gedruckten Leitmedien Gepriesenen erkunden und
wahrnehmen, die Bedingungen und Voraussetzungen der Liveacts,Konzerte und Ausstellungen ins Programm nehmen, statt der kritiklosen Übernahme der Experten;diese können ja selber zu Wort kommen, im O-Ton-Verfahren, um ihre Sichtweisen zu verantworten. Denn Wahrheiten wie Irrtümer werden im Zitat aufbewahrt.

Oft fehlt eh das Geld, um den betriebsinternen Festangestellten in einen Ai wei wei Eventzu schicken, dem natürlich der allerbeste Sendeplatz allein deshalb reserviert ist, weil die anderen alle es auch so mit ihm halten.
Hier abzuweichen vom Kanon,den der Zeitgeist bestellt, wäre
eigentlich die besondere Chance der privaten Sender und Programme.
Freilich, ob die das in den nächsten 20 Jahren noch begreifen, das
steht auf einem ganz anderen Schmierblatt unserer ruhmreichen Kulturgeschichte.

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2 Gedanken zu “Viel Lärm um WDR 3 Kulturprogramm

  1. Wirtschaftliches Interesse wird dauerhaft verhindern, dass private TV-Sender Ihre Hoffnungen oder Erwartungen („Chance“) erfuellen werden. „Skepsis und Distanz“ finden sich nur da, wo sie kommerzielle Interessen nicht beeintraechtigen und der persoenlichen Karriere nicht schaden. Aber das wissen Sie doch alles.

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