Kultur der Bürgergesellschaft

Ich war einmal so unvorsichtig und sagte öffentlich, dass der herrschende Kulturbegriff, dem sie überall frönen, das reaktionärste und vor allem kunstfeindlichste ist, das es gibt. Da schauten sie mich alle an, als wäre ich ein Neandertaler oder von der NPD. Wenn sie freilich dieselbe Meinung bei Adorno oder Brecht fürs Examen pauken, sagen sie das gelernte Sprüchlein brav auswendig her und vergessen es gleich wieder. Denn jetzt haben sie erst einmal ihr Staatsexamen in der Tasche , oder sich bei der so bürgernah sanierten Kleinstadt um eine Anstellung im Kulturamt mit Erfolg beworben. Denn Kultur, also Puccini, die Beatles und so, denken sie, oder die Expressionisten, sind doch was Schönes und zieren ihre IKEA_Möbel wirklich wunderbar. Dass sie selbst gemeint sein könnten, indem sie mit ihrem Kulturglauben von vorgestern die Kunst heute, für die sie keine Zeit haben, verhindern und vernichten, ahnen sie naturgemäß nicht.
Sie schütteln auch nur mit dem Kopf und finden es total übertrieben, wenn sie bei einem älteren Kritiker den Begriff von der „Bildungsbarbarei“ oder dem „Geistbetrieb“ lesen. Der Mann war eben ein Polemiker und für seine Zeit mag da sogar etwas dran gewesen sein, dünkt es sie, aber heute ist doch alles ganz anders. Sie haben gerade mitgewirkt in einem Arbeitskreis, der eine Kunstausstellung mit Collagen zum 1. Weltkrieg organisierte. Ein toller Erfolg, ein Wahnsinn, von überall her kamen die Besucher, nicht nur alte, auch einige Junge waren darunter, und alle waren sie echt begeistert. Hat allen großen Spaß gemacht.
Also es ist doch alles gut und übrigens: von dem Chinesen Ai weiwei, dem Top-Künstler der Gegenwart, haben sie sogar jüngst ein Feuilleton gelesen, im Focus und in der Süddeutschen. Außerdem, dass ich das auch noch weiß: Beim Abitur hatten sie in ihrem Aufsatz zu Max Frischs Homo faber sogar eine glatte Eins bekommen.

Weshalb wollte ich also die Kultur schlecht reden, die doch so vielfältig und so interessant ist wie nie? Ja, ich bereue das auch inzwischen. Die Aufklärung ist eben ein dummes Märchen geworden, ein Aberglaube, das begriff ich endgültig, als ich der Frau Annette Schavan zuhörte bei ihrem Festvortrag an den internationalen Donautagen, wo sie den Honoratioren vor ihr, den Provinzfürsten der SPD, CDU und der Grünen erzählte, dass, wenn sie an Europa denke, immer an der Tradition von Frieden und Freiheit ganz natürlich festhalte. Ja, von Goethe, Luther bis zu den toten Hosen und G.Grass alles super, wir stehen auf dem Boden einer großartigen Kultur. Trotz Hitler, der schlimm war, das sagte sie auch noch leise, klar. Der Oberbürgermeister steckte ihr zum Dank anschießend eine goldene Nadel der Donau-Akademie ans Blumenkleid und der vom Stadtmarketing überreichte ihr eine Ulmer Schachtel. Dass keiner lachte, wunderte mich nicht. Ich ging rasch von dannen und verbarg mein zur Hälfte auch ganz lustiges Missvergnügen in mir selbst.

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2 Gedanken zu “Kultur der Bürgergesellschaft

  1. Ja das finde ich auch immer süß von den Miezies, die können ihre Urgrottenideologie für Alles frei austoben. Die x’tausenste nun endlich „mit den hinterlassenen Fetzen Vishnus“ – also doch künstlerisch wertvoll.

    Von Ai WeiWei – unserer Speerspitze gegen Mao in Frl. China – hatte auch der Leutnantsanwärter Schmidt Helmut in ´Der Zeit´ne ganze Beilage gemacht/gestaltet.

    Ja, manche von Peter Weiß auch. Der alte Graf Faber war schon ganz richtig.

    Übrigens der Auftritt von den ´Die Scorpionen Band´ in Griechenland wird auch dauern wiederholt … nur nicht „You my hear, You my soul“ von Dieter Bohlen ~ die waren ja auch in Japan mit sich damals.

    Kultur: Wir ja sowieso, ich meine trotz Hitler, weil wir das ja auch ohne den können.

    Tja, wie heißt es doch so schön: Spaß mut sin bi de Beerdigung!

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