Unser Humanismus ist die 1 A Kundenpflege

Neulich hörte ich einen Menschen im Radio sagen, er war sogar vom öffentlichen Dienst, wenn ich nicht irre, er liebe die Menschen, seiner Menschenliebe habe er schließlich seine ganze Karriere zu verdanken, von Anbeginn an. Ohne den Menschen usw. tönte er, er war tatsächlich ein höheres Tier, glaube ich… an ihn dachte ich soeben, da ich an einer etwas schwierigen Rede für eine Kundin sitze. Ach ja, das höhere Tier fügte noch hinzu, er liegt damit natürlich voll im Trend, er sei seit Jahren dabei, neue rein weibliche Strukturen in seinem Amt einzuführen.

Davon war meine Kundin natürlich noch weit entfernt, sie kam aus einem Land, wo die Menschenliebe noch ganz in den Anfängen steckt, da gab’s noch überhaupt keine Strukturen in unserem modernen Sinne, kann man sagen. Dennoch, sie spekulierte mit ihrer Rede, wenn ich sie recht verstanden habe auf einen großen internationalen Preis, als neue Frau der Freiheit. Deshalb kam sie zu mir und sie wollte ihre Rede in deutsch hier in Deutschland, sozusagen in einem größeren Welt-Schaufenster halten, obwohl sie ihr internationales Denken noch nicht voll entwickelt habe, sagte sie mit einem koketten, fast schon frivolen Lächeln.

Na gut, ich muss nehmen, was kommt, bin nur ein armer Redenschreiber, sie kam auf mich, weil ich jüngst für den Vorsitzenden ihrer Partei eine Art Medienkonzept entwickeln durfte. Denn auch die Medien kamen nach der jahrelangen schrecklichen Diktatur in ihren Land soeben erst in die aller ersten Gänge, es fehlte gewissermaßen hinten und vorne noch an allem, obwohl Laptops und der super-technische Kram schon in Massen überall herumlag.
Die Kundin wollte ihren Auftritt, für den sie zur Zeit die internationale Präsenz bei youtube, twitter usw. bereits organisierte, ganz auf die Grundfrage nach dem Menschen stellen. Von einer ausgeprägten Liebe zu den Menschen, wie sie bei uns sogar im öffentlichen Dienst schon sehr fortgeschritten schien, konnte ich also in ihrem Falle überhaupt nicht ausgehen. Höchstens ganz am Schluss würde ich ein utopisches Glanzlicht setzen, ich dachte an Goethes „edel sei der Mensch..“ undsoweiter. Man kennt das ja. Das berühmte Zitat, aber ich wusste es noch nicht genau. Ich bin im Moment noch mit Kleinkram beschäftigt, etwa der Frage, wie ich versuchen könnte, ihr das Wort Vernunft erst zu erklären und dann müsste sie es natürlich auch noch richtig aussprechen. Oder sollte ich gleich den Hegelschen Weltgeist bemühen, Geister sind in ihrem Land vielleicht…ich schwankte.. Ich suchte ein Bild, denn das Wort Vernunft kannte sie überhaupt nicht, nie gehört und auch in ihrem Land würde man es, gesetzt sie käme mit der Aussprache halbwegs hin, vermutlich nicht ohne weiteres verstehen bzw. übersetzen können. Aristoteles Hypothese vom Menschen als animal rationale, dachte ich bei mir, war also gar nicht überall vorauszusetzen.. natürlich werde ich das vor unserem Chef niemals offen aussprechen, denn ich zieh mir nicht wieder den Verdacht auf Rassismus zu..der käme unwiderruflich sofort wieder.. Ich stöberte stattdessen in meinem großen Thesaurus der Synonyme herum, ich dachte an einen Baum, die Vernunft ist auch ein Baum, wie im alten Germanenglauben, der Baum am Ende der Welt, den man wachsen sieht, freilich welcher Baum, es müsste ein Baum ihrer Heimat sein, ich kann ja nicht eine einheimische Eiche oder eine Buche…
Baum, Baum, Baum oder wie wär’s mit einem Krug Wasser, in ihrem Land herrscht ja fast das ganze Jahre eine Bullenhitze..ich kam nicht weiter und in ein paar Stunden würde die Kundin vor mir stehen mit ihrem rätselhaften Lächeln. Die Aufgabe schien mir plötzlich unlösbar… ich lachte, unslösbar alles, schon wieder einmal. Wie eine Rede zu dem Wesen des Menschlichen entwerfen für ein Land, in dem so etwas wie Menschlichkeit, wie sie bei uns jedem Sparkassenvorstand jederzeit von den Lippen sprießt und sprudelt…ich war ziemlich ratlos, Rat bei einem Kollegen wollte ich mir aber auf keinen Fall holen, der Kollege Arthur Klein.. ach komm… der würde sofort wieder einen Kübel Spott ausleeren über mich, nicht weil er mich so hasst, nein, sondern weil er jede Gelegenheit nutzt sich zu erheben.. er der tollste Hecht im Laden, nein und das sah ja dann aus, ne, ich lassse mich nicht mehr mobben, ich werde die alte Stadt- Bibliothek aufsuchen, denn die Googlezitate setzten alle viel zu viel voraus, klangen zu bombastisch, damit würde ich die Kundin nur erschrecken und ihr Lächeln käme spontan zum Erlöschen, und was dann…
Sie würde womöglich abspringen, nein, das durfte ich nicht riskieren, ich dachte plötzlich an Grimms Mädchen, da rührte sich doch was in meinem Hinterkopf, da war doch die Story mit den Vögeln, die die Freiheit verkünden..wo finde ich die wieder..ich war jetzt nervös, ich hatte noch nichts als ein leeres Blatt vor mir, wie käme ich von den symbolischen Vögeln der Freiheit zum Menschen, zur Humanität, zur conditio humana.. ach, das ist alles viel zu pathetisch, man müsste ganz klein anfangen in ihrem zerstörten Land, nach dieser Menschlichkeitskatastrophe, ganz kleine Brötchen, wir haben leicht reden, bei uns triumphiert seit Jahrhunderten ein trompetemhafter c Humanismus, wie man sagt, das lernt jedes Kind in der Schule schon auswendig..aber den Chef werde ich  nicht um Rat fragen, auch die Kollegen nicht, sie reißen mir das Geschäft sonst wieder aus den Händen, die ehrgeizigen Schweine, ich suchte Ablenkung, ging in die Kantine, da saß die nette Karin, die Chefsekretärin ganz alleine, mit ihr würde ich ein bisschen plaudern, ein bisschen Abstand gewinnen, wer weiß, andere Gedanken.. Aber sie, die allzeit lustige, war heute traurig, hatte Kummer, ihr Freund hat sie verlassen, erzählt sie mir …oh nein, welch ein Unmensch, das Schwein..ich tröstete sie und tatsächlich fand ich schließlich aus ihrem Unglück einen Faden zum Entwurf der Menschlichkeitsrede meiner Kundin, die wenig später eintraf, aufgekratzt und fröhlich, wie ich sie noch gar nie erlebt hatte bisher.
Sie lobte unser freies Leben in Deutschland. Ich ließ ihr natürlich den schönen Glauben und dachte an unser Markenzeichen, unsere Super- Kundenpflege. an der sich soeben wieder zweifelte, schier verzweifelte.  ….

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s