Neureichen-Deutsch, keine Frage

manchmal denke ich, es lohnt nicht, sich viel mit den Sprechermoden zu beschäftigen, es geht eh alles schnell vorbei.
Manches aber erhält sich erstaunlich lange, reformiert
die alltägliche Rhetorik ganz allmählich ins Gespenstige, ja Spüllichtartige.

Etwa die Phrase „keine Frage“. Gerd Schröder gebraucht sie an jeder Ecke.
Fragt man ihn, ob er gerne Bundeskanzler war, beginnt er sofort: „Keine Frage“
und setzt den Satz fort mit: „gleichwohl…“ zu seiner nächsten Leerformel, die er ganz besonders liebt: Denn „das hat damit zu tun.“ So beginnt er grundsätzlich mit seinen Antworten auf Warum-Fragen. Denn das schlichte „weil“ oder das noch simplere „deshalb“ scheint ihm wohl allzu gewöhnlich für sein viriles standing..
Statt ja: keine Frage, statt aber : gleichwohl und statt weil : das hat damit zu tun.

Schäubles Stereotyp lautet: „im Übrigen“. Nach seinen Pflichtaussagen folgt fast jedes jedes Mal ein Zusatz, ein Übriges, das anscheinend nicht weggelassen werden kann, sondern bei Lichte den heimlich Hauptsinn darstellt.

Für eine andere Phrase steht vor allen anderen Nachahmern der Sprecher Markus Lanz und seine Formel: „was macht das mit dir“. Wenn dein „Riesen Erfolg“ dich seit Jahren nach ganz oben trägt, oder du eine sensationelle Filmrolle bekommen hast, fragst du dich doch, so Lanz: was macht das mit mir?
Daran schließt er sogleich die inflationär gewordene Redensart:
„ Wie geht man damit um ?“
Diese Mode kommt seit langem aus allen Rollen, kein Bereich der Berufe, des Alters, der Gesundheit, des Sports, der sich von dieser Sprechermode befreien könnte. Überall taucht sie auf. Denn dass du ein Problem hast, ist weit weniger ein Problem als die Frage, wie geht man damit um, wenn man insolvent wird, Krebs hat, ein Tor schießt, in eine Falle geht, oder Angst hat dement zu werden.

Es sind alles Abwaschriten am üblichen Sprechergeschirr, Stereotypen der vielen Plauderer und Sprecher, die sich um eine klare, einfache Aussage herumdrücken, weil sie differenzierter erscheinen wollen, als sie sind.
„Es geht mir nicht schlecht, keine Frage, gleichwohl heißt das nicht, dass ich mich nicht frage, was macht das mit mir, wie gehe ich damit um“.

Es ist das weich gespülte Deutsch der Medientalker, das allmählich eine totale Sinnfinsternis über die sog. face-book-Kommunikationen breitet.
Es wird immer schwieriger, sich in dem Neureichen-Deutsch zu verständigen und zu unterhalten.

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