Ein glänzender Mann meiner Zeit

Heute Nacht kaum geschlafen, aber statt mich zu ärgern und mich herumzuwälzen, wozu? – die Aufgaben, die ich heute unter den banalen Zeitgenossen zu erfüllen habe, die ich in jedem Augenblick geistig überfordere, erledige ich eh besser im Schlaf, – also griff ich zur leichten Lektüre einer Augsteinbiografie. Sie belehrte mich darüber, dass ich den guten Mann falsch einschätzte, weil sich mein Missfallen vor allem auf seine letzten 2 Jahrzehnte bezog, wo er allzu selbstgefällig als großer Medienmogul, erfolgsverwöhnt, umgeben von lauter Untertanen und Arschkriechern, nicht mehr allzu viel von seiner sprachlichen Substanz verriet, die er anfangs, als seine Aufstiegslegende begann, doch tatsächlich hatte.
Der Biograf zitiert einige seiner bemerkenswerten Gedichte, die er als Gymnasiast schon schrieb. Überhaupt war er ein mutiger Schöngeist mit größtem Interesse an Philosophie und den Geisteswissenschaften. Er war all seinen Mitstreitern haushoch überlegen, dazu kam sein Witz, sein furioses Temperament und die günstige Situation, dass die meisten möglicher Konkurrenten aus dem Krieg nicht mehr zurück kamen. Die neue Republik war geistig völlig ausgedünnt. Auch hatte er das große Glück, unter den britischen Besatzungsoffizieren ein paar kluge Köpfe als Förderer zu gewinnen, die sein Schreibtalent sofort erkannten und ihm alle Wege zum Ruhm öffneten. Er war so geistesgegenwärtig, diese günstige Situation sofort zu nutzen und so fing an, was man die Spiegelstory nennt, in der es bald schon hieß: Augstein ist der Spiegel, dieser ist Augstein.
Ich vergaß meinen Ärger über einige seiner späteren Artikel, die er wohl mehr als PR- Mann, Pilstrinker, Gourmet und Nachlassverwalter seines Imperiums wie nebenher verfasste. Eines Imperiums, das seit seinem Tod immer mehr an Glanz und Bedeutung verliert. So wird zur Geschichte,was man selbst noch als umkämpfte Gegenwart erlebt hat.
Bevor ich zum Frühstück eilte, zog ich zweimal, nein dreimal meinen Hut vor diesem tapferen Intellektuellen.

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Ein Gedanke zu “Ein glänzender Mann meiner Zeit

  1. Dann gälte nach deiner Erkenntnis, dass man im Alter erst klug wird ? Für mich zumindest gilt es, kritisch gesehen schon, wenn ich retrospektiv meine Ungestümheit in früher und später Jugend betrachte. Sowohl handlungsgebunden als auch gedanklich zielführend. Ich suchte zwar stetig die gedankliche Tiefe und war überzeugt, nur ich hätte sie gepachtet, war aber weit davon entfernt. War es auch so bei dir, als du Vorurteile Augstein gegenüber hattest, weil du einige Artikel von ihm schnöde fandest und ihn dadurch eventuell kategorisiertest, wie es sich nicht korrekt „geziemt“ hätte(da dir der Background gefehlt hatte und letztendlich auch der Durchblick)? Waren wir diese Snobs, ein Attribut wir den andern zuschrieben?Hmm?

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