Zählt die sichtbare Nacktheit tätsächlich zur Wahrheit?

Nein, muss man sagen, denn Zahlen, bloß Zählbares ist niemals wahr. Aber ich hab es geahnt, das Magazin „der Spiegel“ wird dem Einzug der Pornografie in die „Bürgergesellschaft“ die Absolution erteilen. Denn der Auflagenschwund erschüttert die Herzen der Festangestellten. Deshalb: Alles nicht so schlimm, heißt die Parole, im Gegenteil. Aufklärung erreicht noch in den menschlichen Abgründen die viel zitierten „Augenhöhen“ (vgl Spiegeltitel) und verlässt erhobenen Hauptes auch Regionen, wo nur Sumpf und Schlamm ist, Ekel und Wahnsinn ihre Umwertung zelebrieren. Schaut alle her, wie lustvoll es ist, scheußlich zu sein, in Erniedrigung ein besudeltes, fremdes Selbst zu genießen.

Heute ist es so weit, die Auguren und Experten der Sexualwissenschaft geben uns Einblick in ihr Weistum, bestehend aus Empirie-Marketing und psychologischer Orthodoxie (Ehschowissen).
Sie geben sich so beredt, als könnte man über Pornografie öffentlich reden wie über alles andere, als hätte Michel Foucault, der Philosoph, nie darüber geschrieben, wie absurd und verschleiernd sexuelle Beichten sind. Sie bringen keine Lossprechung,sondern nur Zustimmung zu etwas, das keiner Zustimmung bedarf und sich keinem Allgemeinbegriff je fügt. Auch der Voyeur, der sich wortreich bekennt, verliert etwas von seinem heimlichen Vergnügen. Er zieht jetzt die Beobachter auf sich, die ihn nicht verstehen, sondern bestenfalls erwischen sollten.
Diese Art von Aufklärung ist freilich faszinierender Bluff und zur hohen Wissenschaft verklärte Unterhaltung. Man redet über etwas, das andere neugierig und lüstern macht. Die Wissenschaft möchte auch partizipieren am großen Reibach. Und zwar selbstredend mit höherem Ansehen der nacktesten Wahrheit. Und was noch nicht wahr ist, kann heute doch schon so klingen, als Wahrheit simuliert werden, etwa als die Vorhersage: „auch das Wort pervers stirbt langsam aus.“ Was weiß er vom Leben der Wörter? Nichts. Das ist so gratis gemeint wie die Prophezeiung eines Literaturkritikers, der nach der Lektüre des Weltbestsellers „shades of grey“ mit wissenschaftlichem Tenor unkte, mit diesem Buch sei der sexuelle Analverkehr in der Welt der Angestellten durchweg akzeptiert, ja salonfähig geworden. Ich googelte seinen Namen, tatsächlich, er war fest angestellt.
Der Experte von heute kennt sich aus in der Hirnwissenschaft, die mit dem Sex wohl selbst Schlüsselerlebnissse verbindet. Gehirne sind faul, weiß er, „sie schätzen es, wenn der Weg zum nächsten Glück kurz ist“. Die Internetplattform „ Youporn“ verhalte sich deshalb zum Sex wie „facebook zur Freundschaft.“

Selbst wenn der gesellschaftliche Dreck, öffentlich genau durchleuchtet, und von Hirnforschern gesegnet, noch viel wahrer würde, bliebe es fürderhin edel, hilfreich und gut, ihm aus dem Weg zu gehen.- i

Advertisements

Ein Gedanke zu “Zählt die sichtbare Nacktheit tätsächlich zur Wahrheit?

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s