Sonntagsspaziergang

…traf heute auf meinem Sonntagsspaziergang wie zufällig einige alte und ältere Bekannte. Auffallend dabei, sie haben sich alle neue Partner zugelegt. Bei einer der Personen, dachte ich zuerst, er führe seine Tochter aus, aber nein, es war seine neue Geliebte. Der Vorwitzige verriet mir auch gleich noch, dass er durch die elektronischen Medien in jüngster Zeit schon mehrfach „Frischfleisch“habe ausprobieren können. Bei diesem jüngsten Modell trage ihn jetzt die Zuversicht, dass es etwas Längeres werden könnte, zumal sie – und sie stand wirklich dabei und hörte grinsend zu, die Wunderhübsche, – wirklich guten Sex anzubieten habe.
Ich sah ihm an, dass er sich nicht nur rein sprachlich ent-krampfen konnte, sondern sich auch in seinem alten Gesicht wohl neue grundlegende Renovierungen hat machen lassen.
In einem anderen Fall, einige Freizeit-Meilen weiter, war es eine ältere Bekannte, die sich ebenfalls einige gravierende Mundfalten wegmachen ließ, das war sofort deutlich, und mir lachend ihren blutjungen Lover vorstellte, der neuen Schwung in ihr Leben gebracht habe. Sie pries ihn direkt an, auch er ließ es sich gerne gefallen, zumal er ein großartiger Sportler sei und auch sie zu neuen Aktivitäten motiviert habe in kürzester Zeit, während sie ihn jetzt -nach dem Motto einer echten win win Situation- öfter zu kulturellen Veranstaltungen mitnähme, die aus ihm eine richtige Persönlichkeit werden ließ. Ich sagte nur: „perfekt. Dann läuft ja bei dir alles perfekt.“ Sie nickte und kam jetzt auf ihren Krebs zu sprechen, den sie zum Glück und weil sie eine Kämpferin ist eben, überwinden konnte und da habe sie sich entschlossen und soweiter. Natürlich stimmte ich ihr zu, natürlich sei das Leben schließlich alles, was jeder nur einmal habe, ich hörte mich alte abgedroschene Sprüche klopfen, denn ich wollte mir doch meine Betretenheit und
nichts anmerken lassen und fragte sie auch gar nicht nach ihrem früheren Partner, den ich ja besser kannte als sie und der jetzt wohl auch an seinem PC sitzen wird, um sich nach neuen Angeboten umzusehen. Weltweit, oder sagen wir wenigstens deutschlandweit.
Das Internet lässt es ja zu, den geschenkten Gäulen direkt ans Eingemachte zu gehen. Man kann ohne Geziere ungeniert nach Vorlieben des anderen fragen, Daten ab-checken und Fotos sogar aus intimeren Sphären anfordern. Es ist alles so viel bequemer und effizienter geworden, der technische Fortschritt ist jetzt eindeutig auch in das vorgedrungen,was man früher Glück oder Beziehungsprobleme nannte.

Natürlich, es scheint über Nacht alles perfekter und moderner zu werden, nur die Sprache für den revolutionären Wandel in Sitten und Gemütern scheint dem Neuen noch ein wenig hinterherzuhinken. Denn die Gespräche erschienen mir noch keineswegs so entspannt wie die befreiten Gegenstände, die sie abzubilden und darzustellen suchten. Ich verlegte mein Gewicht von einem Fuß auf den anderem, fühlte mich plötzlich seltsam verlegen und ja – beinah sprachlos, suchte Ausflüchte und erfand rasch einen Termin, den ich jetzt am Sonntag Nachmittag, das war natürlich wenig glaubhaft, vorgab einhalten zu müssen.

In meiner Wohnung angekommen dachte ich lange darüber nach, was die stille Revolution in den Privatspähren wohl für Folgen haben wird. Ich weiß ja, dass den normalen Bürgern und Angestellten viel zugemutet wird, zur Zeit, doch dass sie so unbedenklich und spontan den Angeboten innerhalb der virtuellen Welt zusprechen würden, das hätte ich nie gedacht, ja nicht einmal geahnt, wenn ich für mich selbst und einmal ganz offen reden darf.. .

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