Das verwundete Herz

Sie war die Seele im Rechnungswesen unserer Firma: Frau Brigitte Schreier. Sie war unzufrieden mit dem Chef Dr. Vater, dem sie soeben grobe Vorwürfe machte wegen seines liederlichen und unmöglichen Umgangs mit Zahlen. Erst neulich habe sie entscheidende Belege in der Besucherlounge der Firma auflesen müssen.

Dr. Vater wunderte sich über ihren Tonfall und sah darin nichts als ein Ablenkungsmanöver. Aha, sie will mir zuvorkommen, dachte er sich, denn er hatte doch erfahren, während sie in ihrem Urlaubsdomizil in Rio de Janeiro weilte, dass sie über die sozialen Medien einen äußerst dubiosen Kontakt zu seinem kleinen Sohn Fabian pflegte. Was stellte sie sich vor, sein Sohn war doch viel zu jung für ein Verhältnis zu einer solch erfahrenen Frau wie der Schreierin. Er suchte in ihrem Gesicht nach Spuren eines schlechten Gewissens, aber sie hörte nicht auf mit ihrer Zahlenpredigt. Ihn plagten ganz andere Sorgen, sein verwöhnter kleiner Sohn könnte in eine diabolische Gefangenschaft geraten, hatte er doch früh seine Mama verloren und käme nun in die Fänge einer Dämonin. Ja Dämonin, das Wort rutschte ihm eben durch den Kopf, als die Schreier ihm eine unverschämte Behauptung und Anschuldigung nach der anderen präsentierte. Ihre Sätze klangen wie drohende, peinliche Rechnungen. Er würde doch die Firma, die seine Firma schließlich ist, nicht in den Ruin treiben, wegen ein paar lächerlicher Zahlen, die durcheinander gekommen sind. So etwas kommt bei Geschäften immer wieder vor.
Plante sie, ihn in den seelischen Zusammenbruch zu treiben, um sich dann seinen Sohn zu krallen und das Erbe anzutreten. Ja dann könnte sie ihren Zahlenterror auf die Spitze treiben, natürlich, auch die Lieferanten und die Lageristen bedrängen und sich nebenher, sozusagen für die freien Stunden, noch einen Lustknaben halten. So sah sie aus jetzt, er fing fast an, sie zu hassen. Sah er nicht in der bürgerlichen Verkleidung plötzlich die Fratze eines Höllenweibs?
Dr. Vater raffte seinen Mut zusammen und polterte gerade heraus: Sie missbrauchen mir mein Kind nicht, Sie nicht.
Von welchen Kind reden Sie, entgegnete sie ihm etwas verwundert. Wovon sprechen Sie denn?
Hier, Dr Vater zog ein paar Kopien aus der Tasche, bitte- haben Sie das nicht in den sozialen Medien an meinen Sohn adressiert?
Wollen Sie das leugnen?
Die Schreier lachte höhnisch auf, ach ja aber die Kopie seines Schreibens, ihres ach so unschuldigen Winzlings haben sie nicht? Dass Sie ein schlechter Rechner sind, weiß ich ja, wie oft musste ich ihre Firma schon retten, haben Sie mitgezählt? Aber dass Sie auch noch ein Schnüffler sind und in völlig unschuldigen, erotischen Beziehungen-
Erotisch, platzte, prustete es aus Dr. Vater heraus, Sie geben also zu?
Nichts, gar nichts habe ich zuzugeben, nur ihren zarten Sohn und mich vor ihrer Zudringlichkeit zu schützen.

Ich habe Sie überführt, dachte Vater und verließ schnell das Büro der Frau Schreier. Was glaubte diese Brigitte denn? Mit ihrem verdammten, brünetten Charakter? Meint Sie, sie kann mir meinen Sohn wegnehmen, der gerade einmal 17 Jahre alt geworden ist. Er fasste einen Plan, er würde seinen Sohn Marco Fabian Heinrich( Heinrich hieß schon der Vater Dr. Vaters) weit weg in ein teures Internat verpflanzen irgendwo in Amerika oder Australien und ihm vorher noch eine kleine Weltreise schenken. Auf dieser würde er ihm mit unsichtbarer Hand ein paar junge Damen zuführen lassen, die ihn in die ars amatoria einführten. Mit ihm jetzt über alles zu reden hätte keinen Zweck, das würde ihn nur noch sturer machen, starrsinnig werden lassen. Oh ja. Er kannte seinen süßen kleinen Sohn Fabi.
Der Plan war gut durchdacht, da würde die gute Frau Schreier, die ja schon an die Mitte Vierzig gelangt war, schön dumm in die Leere schauen. Er lachte, das geschieht ihr recht, dieser Hexe.

Doch Dr. Vater hatte Pech. Bevor die ausgebufften jungen Verführerinnen, die er insgeheim engagierte, an seinen Sohn geraten konnten, war schon ein anderer an ihm dran. Ein gerissener Schöngeist und Homosexueller, der Fabian in eine ganz andere Richtung lenken sollte.

Als Dr. Vater dies erfuhr, trübte sich sein Geist vollkommen, er hatte sich mehr als jemals zuvor jetzt auf Frau Schreier und ihren untrüglichen Zahleninstinkt zu verlassen. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, er hätte sich aus allem herausgehalten, so dachte er öfter jetzt. Geschäftlich hätte die Schreier bestimmt aus Fabian mehr machen können als dieser schwule Mensch dort in den USA, der seinen guten Sohn auf sehr unappetitlichen Abwegen begleitete, jetzt schon ganze sieben Jahre lang. Er durfte gar nicht daran denken, sein Verhältnis zu Frau Schreier besserte sich inzwischen wieder. Später brachte sie ihn ins Pflegeheim, leitete allein die Firma und organisierte zuletzt noch das Sterben des Dr. Joachim Heinrich Vater.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s