Die Jungen und Alten- ihre Kultur

Das Zeitalter der Revolutionen, in welchen die Jungen die älteren schockierten und aufmischten, stürmische Bewegung in die Generationen brachten, scheint vorbei, so klagen die älteren Experten und Kulturverweser. Heute bespaßen die in Kulturausbildungen hoch gewachsenen jungen Kulturveranstalter und Künstler das stets älter werdende Publikum. Kultur ist wesentlich Verwaltung und Betreuung geworden. Zumindest in den klassischen Medien wie Theater, Museum, Konzertsaal. Die Mittelschicht hat kaum noch Zeit für kulturelle Anstrengungen und Ereignisse, das Publikum der Jungen bleibt aus und sucht sich andere Schauplätze ihres Vergnügens: Partymeilen, Rockkonzerte, Comedyhallen, Sportarenen.
So wird die Kultur zum Service, zum Betreuungsdienst für die Pflege- und Altenheime. Auch an den Universitäten stellen in den Sprachen und Geisteswissenschaften die Alten die Mehrheit der Studierenden.
Die Alten und Älteren, auch die Bestagers freuen sich, endlich nach harten, langen Malocherjahren und Bürozeiten auch noch die Moderne kennen zu lernen, mit ihren vielen Nackten auf den Bühnen, mit ihren riskanten Aktionen im Museum und mit dieser ungewöhnlich dissonanten, klagenden Musik. Diese Alten verlassen nicht mehr türen-knallend die Theater, sie sind einiges gewöhnt und auch wenn ein Goethestück massakriert, oder die Gestalt Jesu Christi verhöhnt wird, bleiben sie sitzen und klatschen tapfer ihren Beifall. Man hält Frieden,es dreht sich ja nur um Kultur, die ernst aber doch nicht zu ernst zu nehmen ist. Überhaupt verschwinden die Grenzen zwischen Kunst und Kultur. Sind nicht bedeutende Regisseure und großartige Kuratoren auch Künstler, wie in der Technomusik sich jeder DJ auch als Komponist versteht? Sind die Begriffe nicht selbst alle im Wandel? Findet die Revolution von heute nicht in der Semantik statt? Im Virtuellen eher als im Realen? Gewaltlos doch mit anglo-vielem Drive.
Anders, jenseits von alt und Jung, revolutionär oder tradtionsgebunden verhält es sich beim Publikum der Leser. Dort waren die buchstäblichen Revolten immer nur Episode, allein für bloße Wortkünstler gedacht. Der allgemeine Wille am Buch festzuhalten, die Qualität einer gut gemachten Geschichte, die treffliche Konstruktion eines spannenden Schicksals erforderte immer altmeisterliche Könnerschaft. Nicht nur eine sog. Genialität? Der Rest der aktuellen Nachgeburten und Postproduktionen von Ich-Erlebnissen und sogenannter freier Prosa ist immer nur für eine Saison der Abwechslungen gut.
Dort auf dem Gebiet der Prosa reüssieren die Jungen entweder als Sternschnuppen oder als ewige Talente mit Gold im Mund.

Es ist nicht gesagt, dass, wenn die Jugend sich in der Kunst nicht mehr selbst herausfordern will, da das ältere Publikum, inzwischen weltreisend erfahren, auch gerne frisst, was es noch gar nicht kennt, dass unter diesen Umständen eines faulen Kulturfriedens mit vielen Events, Filmen, Diskussionen, überhaupt noch einmal Kunst entsteht, wie man sie früher emphatisch vertreten und verstanden hat.

Vielleicht hat sich das Thema Revolution und Kunst wirklich von selbst erledigt, ähnlich wie die Philosophie und die Religion, wie das ja oft schon vorausgesagt wurde.
Vielleicht kann sie nur durch die Sprünge der übermächtigen Technik noch einmal geboren werden. Auf alle Fälle aber, das lässt sich tatsächlich schon sagen, geht die Epoche der Moderne zu Grunde zur Zeit.. Die Jugend, wie sie heute noch ganz fälschlich verstanden wird, gehört wahrscheinlich selbst schon ins Museum.

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