Curriculum vitae

Mein Vater war ein geborener Zirkusdirektor, meine Mutter seine Arbeitskraft, meine Großmutter Vorsitzende der Arbeiterklasse. Wir Kinder wurden früh in Dressurnummern mit Hunden und kleinen Pferden eingebunden, ich musste sogar singen. Meine Schwester lernte schon mit 4 Jahren bei den Eisbären.
Ich verbrachte lange Zeit beim Seiltänzer Jean Marie Hartmann. Ein seltsamer unverständlicher Typ, aber lieber bei ihm als beim Messerwerfer Rudolf Mayrhofer, der mir unheimlich und oft grob vorkam.

Später wurde mir die Maloche im Zirkus zu arg und ich riss auf ein Schiff aus, um dort die Trompete zu blasen. Außerdem plagte mich die Furcht vor dem Trapez, auf dem ich lernen sollte, durch die Luft zu fliegen. Mein Freund Roberto, der alte Bändiger der Löwen und Tiger, gab mir den Tipp, wie ich auf das Schiff kam. Jahrelang schwamm ich auf den Meeren herum und zuletzt war ich so müde vor Langeweile, immer dieselben Solos jahraus, jahrein, dass ich wusste, ich musste den Absprung riskieren. Nochmal in das gesellschaftliche Nichts, ich hatte kaum gute oder wichtige Papiere, ich musste mich bei den niedersten Arbeitsbüros und Kaschemmen anstellen lassen. Da aber begegnete mir das Glück in der Tänzerin Mary, einer Amerikanerin, und ich reiste mit ihr nach Amerika mit dem Flieger. Dort in einem Kaff an der Ostküste stieg ich in das Geschäft ihres Vaters ein, der einen Country Saloon betrieben hat und alsbald verstarb. Jetzt leiteten Mary und ich den Saloon, sie künstlerisch, ich als Werbefachmann und an gewissen Abenden sogar als Ansager. Das Geschäft blühte gerade so richtig auf, da kam der furchtbare Hurricane und vernichtete unsere Existenzen. Es blieb uns nichts, also machte ich mich wieder auf, neu anzuheuern bei
einem Ozeanriesen und ich nahm meine Mary mit, sie könnte doch auf meine Trompetensolos ihre Tänze tanzen.
Sie tanzt immer noch grandios und mit ihrem Genie. Das glückte, ich konnte den Kapitän überzeugen, ich zettelte den Deal mit einem Schwätzchen über meine Ozeanerfahrungen an, manchen Bekannten hatten wir gemeinsam, wir wurden uns sogleich sympathisch.
Tja, und seither leben wir, Mary und ich, wieder auf den Meeren.

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3 Gedanken zu “Curriculum vitae

  1. Mary hat sogar den Fahrtenschwimmer gemacht in Amerika(weiß ich zufällig). Damit war sie von vornherein ausgezeichnet gerüstet für das Leben auf dem Schiff. Macht Mary immer noch neben ihren tänzerischen Vorführungen diese extravaganten Kunststückchen mit den exotischen Katzen? Welche Hafen fahrt ihr denn an und welche kulturellen Schätze dieser Erde schaust du dir mit Mary an, wenn euch der Kapitän von Bord lässt?(entschuldige, dass ich so neugierig bin).
    Grüße von Mizzi

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  2. ja, wir gehen schon manchmal von Bord, aber nur kurz, weil wir in den Pausen ständig neue Nummern einüben müssen. Unsere Programme sind derzeit sehr gefragt und wir müssen diese Situation nutzen, um Rücklagen für das Alter zu bilden. Schönen Gruß von Mary, sie erinnert sich gut an Dich.

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