Der andere Zustand

Wenn man eine gewisse semantische Sicherheit erreicht, wenn man weiß,
wo die Phrasengefahren lauern, wenn man die Festigkeit der Bilder geprüft hat,
fällt es nicht leicht, alle diese Tugenden wieder aufzugeben, sie zu vergessen. Eine neue Übung zu beginnen, die zur Befreiung führt. Ich gebe zu, das Wort Befreiung hat hier noch etwas Großmäuliges, etwas allzu Forsches. Aber im Grunde ist immer an Befreiung zu denken, in jeder Faser, wer wünscht sich nicht, viel freier zu sein,als er ist? Ob er davon weiß oder nicht, spielt hier nur eine Nebenrolle.

Was in mir vorgeht,wenn ich eine Gewohnheit ablege, eine Regel bewusst vermeide, weiß der Teufel. Die Selbstkontrolle, die eine ganze Jahreszeit so wichtig war, fällt einem zur Last, ermüdet mich. Ein maßgebliches Lob in dieser Epoche, das ich verhängnisvoll finde, ist das Zeugnis des Psychiaters, der seinem Patienten allmähliche Restrukturiertheit bestätigt, als wären alle chaotischeren Menschen einfach nur krank.

Der Grundinstinkt des religiösen Menschen ist sein Erschrecken vor dem Sterbenmüssen und dem Tod. Dieser Instinkt ist nicht zu heilen, er ist gar nicht krank. Also wozu braucht dieser Mensch, der Trost und Schutz sucht, einen Begriff von Befreiung? Liegt sie nicht in der schönen, ihm wohltuenden Gebundenheit der Rituale und Gebete? In dieser heiligen Sphäre der Liturgien.
In der Abwendung von den Götzen der Bilderdienste?Jenseits der spendablen Sichtbarkeit, tägliche Stunden, jenseits aller Mythen der Nacktheit, viel Zeit zu verbringen. Verzicht auf Geld und Erfolg, der Glück bringen könnte?

Welch ein stilles Wesen lebt in jedem von uns. Und welchen Lärm macht mancher
deshalb um sein Ich. Den einzigartigen Signifikanten.
Das Ich ist aber nur der Außenmensch für die Welt als Betrieb. Für die harten Strapazen und Kurven auf den Holzwegen. 85 Prozent dieser Holzwege führen an kein Ziel. Das sagte mir gestern erst ein Statistiker, den ich zufällig auf der Straße traf, als ich ihn nach der Uhrzeit fragte. Der Mann hatte
ein phänomenales Zahlengedächtnis, von dem er mir einige Proben gab. Mir wurde klar, er ordnete seine Welt allein mit Zahlen. Er lebte in einer Zahlenwelt, in einer besonderen Sphäre.
Wörter wirkten wie Zierrat aus seinem Munde, wie Dekorationsstücke, deren Bedeutung sich allein durch Zahlen erschloss. Er hatte sich in eine magische Welt hinaus befreit, man könnte auch sagen: gerettet.
Jeder Weg aus den Strukturen und Rüstkammern des Ichs hinaus, führt in ein Vielleicht, ins Freie,in einen uhrenlosen, andern Zustand.

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