Defekte Koordinaten

es bleibt merkwürdig, wie sehr sie jetzt triumphieren, die linksliberalen Moralwächter. Sie haben endlich Heidegger, den deutschen Denker, schwarz auf weiß, des Antisemitismus überführt. Erwischt. Endlich. Lutz Hachmeister schrieb ein ganzes, dickes Buch, um Heidegger seine Infizierung durch die Naziideologie klar nachzuweisen. Sauber recherchiert, (als könne man Heideggers Denken auch noch recherchieren).
Hurra, wir haben ihn, in den Giftschrank mit ihm, werft ihn aus dem goldigen Geistes- Kanon. Man spürt und riecht das Pathos der einzig erlaubten Gesinnung.

Anders herum freilich hört man weniger, spricht man viel leiser. Die Kniebeugen Brechts, Ernst Blochs, ja Thomas Manns sogar vor dem Menschenschlachter Stalin übersieht man gerne, es scheint sich bloß um Kleinigkeiten, Jugendsünden zu handeln.Zum Vergessen.
Auch nicht so schlimm, dass Vertreter meiner Generation anno 68 Mao Dse Dong, den Massenmörder, zum Götzen der Volksweisheit machten. Es hat ihre steilen Karrieren kein bisschen beschädigt oder gar behindert. Denn: kann nicht jeder einmal irren? Schließlich hatte der Marxismus-Leninismus immer sehr humane, ja humanistische Ziele auch in seiner Westentasche. Nicht umsonst waren viele Germanisten früher eindeutig Marxisten. Auch Juristen und viele Akademiker waren dabei. Das ist ja keine Schande, oder?-
So das gnädige Pardon der linksliberalen Moralwächter.

Unser Gerechtigkeitssinn ist verrutscht, scheint mir. Der kalte Krieg hat uns die Gemüter erkältet. Man hört es heute noch im Rundfunk, wie morsch und dünn die Stimmen dort oft sind. Die Republik übte sich in rationalen Konstruktionen, lernte Statistiken lesen und das, was man gemeinhin „positives Denken“ nennt. Wie konnte man nach der Katastrophe wieder zum Rechthaben kommen? Da halfen uns Thomas Mann und Brecht besser aus der Patsche, als die Radikalität Heideggers, des deutschen Denkers, der uns ein vollkommen anderes Denken empfiehlt.

Freilich, die Stücke Brechts stimmen heute auch nicht mehr ganz. Das Theater muss sie ständig umdeuten, von heute her interpretieren. Das fällt nicht leicht..Und auch die stets fein gebügelte Prosa von Thomas Mann, sie wirbelt doch kaum mehr viel Staub auf.
Wir ahnen allmählich, dass wir unsere Stoppuhren und Messlatten besser in der geistigen Wüste des letzten Jahrhunderts zurückgelassen hätten, statt sie ins neue Säkulum weiterhin mitzuschleppen. .

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