Immerzu neue Impulse

Der „Geistbetrieb“ ist inzwischen anscheinend vollständig kommerzialisiert. Wie sie die dünnen Bücher der Saison mit Marketingformeln bejubeln, die Kritik korrumpieren,- es macht das Elend nur sichtbarer. Die Latte der deutschen Prosa hängt bei –ja won denn ? Egal, jedenfalls  diese Höhe erreichen sie nicht mehr ansatzweise. Da hilft es auch nicht, wenn die Migranten den Amerikanern nacheifern und in einem völlig abstrakten, scheinbar neuen globalen Stil schreiben, denn alle Poesie beginnt bei der Lyrik. Doch um diese ist es ganz miserabel bestellt.

Jetzt erwischt es anscheinend auch die letzte Bastion der kulturellen Sozialpolitik, das Theater. Hamlet im Frack oder nackt, dazu gähnen inzwischen sogar die einfachsten Lokalpolitiker, und sie sind nicht mehr bereit, die maroden Staatstheaterschiffe mit Millionen zu subventionieren. Es gibt kein Theater mehr, das wichtig wäre für die Epoche, oder es entsteht aus der Armut und dem wieder gefundenen Ideal von neuem. Auch das Kino darbt vor sich hin. Zwar ist hin und wieder ein schöner low-budget-Streifen zu sehen, doch kein größeres Publikum findet mehr zu ihm. Die Werbekanäle sind mit Sex und Mainstream-Schrott verstopft.

Die größte Wüste aber verbreitet sich um die Kunst. Sie wurde durch die Marktpreise und Finanzspekulationen so sehr in den Dreck gefahren, dass nur noch vereinzelte Experten, reiche Sammler und Geldanleger mit ihr zu tun haben. Unterhalb dieser Luxusszene sammelt sich natürlich jede Menge Provinzkunst, die einen vergangenen Stil nachahmen muss. Viele Beuysadepten, Pop-Granaten, Draufgänger auch darunter. Sie tun alles,sie lassen sich nackt vom Publikum mit Messern bewerfen. Es mangelt nicht an grellen Show-Effekten, auch nicht in den Regionalligen der Kunst.

In Memmingen besuchte ich einmal die Ausstellung eines Chinesen, der nicht zur Eröffnung kam, weil dort der chinesische Botschafter auftrat, vor dem er zitterte. Das hinderte freilich den Kulturreferenten und den Kurator der Kunsthalle nicht, diesen Botschafter feierlich zu würdigen und phrasenreich zu begrüßen. Auch ein deutscher Landrat und eine Abgeordnete des Bundestags waren erschienen. War das nun Kultur? Die Lokalzeitungen sprachen davon, dass Memmingen mit dieser Ausstellung Anschluss an die deutsche Hochkultur gefunden habe.

Ein anderes Mal zu den regionalen Theaterwochen in Augsburg, wo ich viel bebilderten Schulfunk sah, klassische Stücke mit viel Gebrüll und manchen Mätzchen, trat in den Pausen vor dem Theater ein Lokalkünstler mit Kettensäge auf und machte entsetzlichen Krach. Die schön gekleidete Mittelschicht der Provinzstadt fand das zwar nicht sehr erholsam, aber sah doch ein, dass Kunst heute natürlich nicht mehr nur angenehm sein kann, sondern auch weh tun müsse. Angesichts der zerstörten Welt rundherum, wozu  Kunst naturgemäß Stellung beziehen muss. Die Kettensäge war also statt eines Redners anwesend und statt Sinnüberschuss produzierte der Künstler nur Krach, puren selbstreferenziellen Krach?
Jedenfalls konnte ich keinen spielerischen Zusammenhang der Kettensäge mit dem Mord erkennen, der nach der Pause auf der Bühne erfolgen würde, wenn Orest den Ãgist tötet und metzelt. Aber ich irrte mich. Das geschah dann tatsächlich mit Kettensäge, dem Mordinstrument, das uns in der Pause deshalb schon quälte. Diese Verknüpfung fanden die Süddeutsche Zeitung und ZDF-Kultur geradezu radikal und avantgardistisch. Die Dame neben mir im Parkett, die sich später im Gespräch als Lehrerin in der gymnasialen Oberstufe entdeckte, fand die Aktualisierung der ewigen Bluttat trivial, ja unappetitlich.
Ich bemerkte nur nebenbei, einen melancholischen, tieferen Ton anschlagend, wie die Kultur sich hier selber umbringt, ahne sie wohl nicht. Aber wer soll es ihr auch noch deutlicher sagen? Das Kabarett? Sie muss wahrscheinlich durch ihren kulturellen Selbsttod hindurch. Der Kommerz verdeckt das Unglück noch, aber auch er geht am Elend schließlich zu Schanden.

Die Dame mit der ich anschließend durch die Stadt spazierte, schaute mich etwas verwundert an, denn wovon sprach ich denn? Sie redete schnell, um sich abzulenken, und plötzlich redete sie von Kommunikation. Das Theater war schon vergessen, sie sah sehr hübsch aus, das brachte uns auf andere Gedanken.
Bei diesen blieb es dann, sie rief ein Taxi, Ade, nettes Lächeln.

Auf der Rückfahrt hörte ich ein Flüstern in mir: Wozu diese schräge Pathos- Kultur von gestern? Guy Debord ist der Prophet der Stunde, das Spektakel ist alles, es hört jetzt nie mehr auf.

PS. Dass ich es nicht vergesse, natürlich schrieb die Augsburger Zeitung, dass der Kettensäger-Event draußen und drinnen „neue Impulse“ gesetzt hätte.

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