Wer ist das denn?

Abseits, wer ist’s? Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, in der Arbeiter und Bauern-Diktatur, sein Vater Sadist, Mutter tot, Missbrauch nit Stiefmutter, ja schrecklich, doch er hatte Talent und schaffte es hoch. Dann wechselte er in die andere, bessere Republik, stieg dort wieder auf, wurde Verlagsleiter, Cheflektor, Chef in einer großen Zeitung. Mit deren Privilegien flog er durch die große Welt, trug herrliche Maßanzüge, dinierte mit Rudolf Augstein, führte Gespräche mit der Weltprominenz, logierte in den nobelsten Hotels, trank täglich Champagner, kannte und leistete sich die besten Weine Alteuropas, fuhr einen Jaguar, er war in aller Munde.
Die besten Fotografen lichteten ihn ab, in größten Magazinen und Zeitungen der Welt, er war Dauergast in erlesenen Fernsehrunden,diskutierte mit Claude Levi Strauß in Paris, mit Marquez in New York, Willy Brandt schrieb ihm Geburtstagsgrüße, in Sylt unterhielt er ein elegantes Appartement, unweit von der Nobelvilla Axel Springers. Er hatte es nach ganz oben geschafft.

Dann unterlief ihm ein kleiner Fehler, den seine Neider zu einer Katastrophe ausweiteten und ihn stürzten. Er fiel tief. Zwar konnte er sich immer noch den besten Schneider Londons leisten, auch weiterhin große fulminante Artikel in größten Zeitungen wie Le Monde und Corriere della Sera, Spiegel und New Yorker platzieren; bei welchen er natürlich nie vergaß, darauf hinzuweisen, mittels prunkvollstem Zitatporzellan, wie sehr er die französische Kultur liebt und wie formidable sein Französisch klingt bis heute. Doch vergaß man ihn jetzt auch, seine Einladungen in Fernsehstudios nahmen ab, seine prominente Erscheinung trat in den Hintergrund, trotz seiner noch immer glänzenden exquisiten Garderobe.

Kurz:Er beschloss sich zu rächen, schrieb Memoiren, in welchen er bedeutenden Zeitgenossen an Ruhm und Zeug flickte, ihre Kümmerlichkeit an Geschmack und Noblesse bemängelte, in der beschämenden Kritik sich selber aber auch nicht ausnahm. Denn er wollte sich auch selbst entblößen, um an die großen Beispiele der rückhaltlosen Selbst-Beichten anzuschließen. Diese Memoiren und späteren Tagebücher, die den Betrieb, dem er so lange vorstand, in maliziösem Klatsch enthüllen sollten, wurden alle ausführlich besprochen in der FAZ im Spiegel im Fernsehen, doch die ausländische Aufmerksamkeit nahm jetzt ab.
In Paris kannte bald keiner mehr seinen Namen, in New York platzierten sich nun jüngere, coolere Stars in den Medien (oft ohne Abitur) und selbst in Berlin kam eine neue Generation an die Ruder, deren Geschmack er nicht mehr so sicher zu treffen wusste. Sein Abstieg, natürlich noch immer auf höchstem Wohlstands- Niveau, begann. Seine lange, andauernde Phase der Desillusionierung zermürbte ihn jetzt allmählich vollends… .
Die Banausen, die ihm noch nie das Wasser reichen konnten,
die schlechtes Parfüm bevorzugten und auch sonst keine guten Manieren hatten, nur 6. klassige Weine soffen,usw. diese Bauern des Geistbetriebs stellten nun auch noch seine stilistische Suprematie in Frage. Sie dachten nicht daran, seine Tagebuchprosa auf der Augen- Höhe eines Kafka, eines Pavese, eines Andre Gide zu würdigen. Wie Proleten fielen sie über seinen poetischen Konfekt her und kratzten an seinem Lack. Jetzt muss er bald sterben, den Jahren nach ist er ein Greis, doch er bäumt sich tapfer auf gegen den Tod. Er wird nochmal ein Buch schreiben, ein großes Buch, in welchem er, da es die anderen dummerweise unterlassen, selbst und zwar ungeniert über seine über-zeitliche Bedeutung handeln wird. Diese hat doch nicht abgenommen, sie wird wieder größer werden, sein Name steht für eine ganze historische Epoche, wird er stilistisch versiert zwischen allen Zeilen verkünden. Jawohl.

Moment, ich hab ihn gut vor Augen, aber wie hieß er denn noch?
Jetzt ist auch mir plötzlich sein Name entfallen. I’m so sorry.

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2 Gedanken zu “Wer ist das denn?

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