Im Verborgenen ins Dunkle geredet

Es ist manchmal sehr angenehm im Verborgenen zu leben, in einem Halbdunkel zu wohnen, um von dort aus in die Welt zu schauen. An meinem Industrieort ist alles Öffentliche so unbedeutend, schier eine Karikatur von Öffentlichkeit, dass gottlob kaum ein Prominenter in ein normales Wohnviertel je sich verirren kann.
Hier ist kein sight seeing möglich. Das Stadttheater gegenüber gibt sich alle Mühe , aber es ist total dilettantisch.
Nur auf dem Münsterplatz da kommen sie alle hin, da war Willy Brandt schon, sicher auch Adenauer, undsoweiter, dort spielten schon die Who und Liza Minelli tanzte dort schon. Doch zu spät, sie war schon krank und nicht mehr die Junge, Feurige von früher, die Rolle stimmte nicht mehr, Minelli sang müde, die Veranstalter hatten sich verkalkuliert, der Andrang war mäßig, obwohl sich die hiesige Heimatzeitung sehr bemühte, genügend krasse Fotos, schräge Kommentare und sonstiges ins Blatt zu setzen.
Auf der Straße fange ich damals den schäbigen Satz einer 45 jährigen Geschäftsfrau auf, die sagt. „ Ach ich weiß net, ob ich die Liza Minelli nomal sehen muss, die hat ja den Krebs gehabt, gell.“
Ihre Stimme hatte etwas Grelles plötzlich und sie sah mich an wie eine der Kokotten aus dem Bild von Otto Dix.

Man kann ja nichts Wirkliches mit anderem Wirklichen vergleichen, aber es gibt Kontraste in der Zeit, die nur durch wörtliche Rede plastisch werden. So denke ich zum Beispiel an einen anderen Spruch in meiner Sammlung. Anfang der 90er Jahre, letztes Jahrhundert, höre ich einen am Judenhof, einen smarten Manager zu einem Geschäftsmann aus der Provinz sagen: „ Komm los, gehen mer zum Münsterplatz, da spricht heut der Kohl. Der Kohl? au ja. „ Sie gingen jetzt schneller, vielleicht könnten sie gute Plätze ergattern noch, oder eine Bratwurst günstig erstehen. Wer weiß.
Alles Öffentliche ist inszeniert, ob in Berlin, in Warschau oder hier in der Münsterstadt, die Regisseure haben unterschiedliche Liga Qualität, die großen Medien liefern die süßen Cremen dazu. Nein, deshalb ist es gut wohnen hier in der Industriestadt im Verborgen. Bilder sammeln, kollektive Stimmungen sammeln am Rande der Inszenierungen, da wo sie ihr Offizielles und Bestelltes verlieren.
Je weniger ich mich beteilige an irgendwas, – (denn privat geht ohnehin nichts mehr ins Reine, privat ist wie Waisenhaus, Psychiatrie und Wellnessbad )- desto mehr häuft sich in meiner Isolierstube an Bildern an.
Urlaub im Freien. Garantiert. Sagte der Wirt in den Bergen.
Ich buchte mich ein für eine Weile dort. Frische Luft zu schöpfen.

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