Digitaler Götzendienst

Was hat es nur mit dem ganzen digitalen Zauber auf sich? Hans M. Enzensberger, der alte Dichter, sagt heute: Weg mit dem Zeug, schmeißt das smartphone weg, seid äußerst vorsichtig mit e-mails, greift lieber wieder zur alten Postkarte, deren Handschriftlichkeit ist schwer lesbar für die Megamaschinen. Auch das Online-Banking verwirft er, bedenket, schreibt er: Das Konto ist eure verwundbarste Stelle. Auch die privaten Sender belästigten einen nur mit Reklame-Müll, schaltet sie ab.
Wehrt euch, entzieht euch, boykottiert den digitalen Irrsinn, ruft er aus. Misstraut den Gratisangeboten, man will euch damit nur aufs Kreuz legen. Und hat euch die Brut der Wichtigtuer einmal am Haken, kommt ihr nur schwer davon los. Die Politik hilft euch eh nicht, sie schützt weder sich selbst noch euch vor den Gangstern und Schnüfflern.
Der digitale Weltweit-Betrieb diene nur dem Profit, der Ausbeutung und Ausspähung. Es gab ein Leben vor diesem Irrsinn, und es wird auch wieder eines danach geben. Schade nur, meint er maliziös, dass diese Einsicht und dieser Widerstand, zu dem er aufruft, erst wieder mit der Massen-Pleite von Millionen Menschen erkauft werden müsse. Denn sie sind geblendet von der Technik, von der Hochzeit von Mensch und Maschine. Sie haben sie dran gekriegt, die Fürsten der Finanzwelt, wieder einmal.
Des Dichters Inhalt ist düster, apokalyptisch, sein Ton aber cool und abgeklärt, sehr nah am Spott.
Schon seltsam, ausgerechnet Enzensberger, denk ich, schreibt in hohem Alter noch einmal ein Manifest, wendet sich noch einmal an die Masse Mensch. Er hatte sich doch schon so gut und bequem eingerichtet in seiner gemütvollen Ironie und jetzt mimt er noch einmal den Warner und Retter.

Oder will er den einst in seiner marxistischen Phase hoch gelobten Massen nur eins auswischen, ihnen ihr Spiel verderben? Enzensberger war doch jahrzehntelang Verfechter des gesellschaftlichen Fortschritts, gewiss rein stilistisch mindestens Brechtepigone, danach wechselte er seine Garderobe und machte sich frohgemut über sich selbst lustig, denn es ging ihm gut und drum ließ er seinen Steckenpferden und dem L’art pour l’art freien Lauf. Der Spott auf die Stagnation gesellschaftlicher Entwicklung wurde sein Programm, er wollte nichts mehr zu sagen haben. Nur noch für sich sprechen, doch das auch nicht ohne Not und an einer solchen litt er nicht. Er habe sich von Anfang seiner Dichterkarriere an lange gewundert, dass sie ihn immer machen ließen. Sie pflegten und verehrten ihn als modernen Hoffnungsträger. Als gelassenen Kritiker, der mit seinen bon-mots und Einfällen der Intelligenzia zu gefallen wusste.
Jetzt aber im Digitalzeitalter fühlt er sich noch einmal herausgefordert und beschwört uns, an dem neuerlichen Techno-Tanz ums goldene Kalb nicht länger teilzunehmen. Alles ein einziger globaler Götzendienst

Ich staune, in dieser radikalen Absage kann doch wohl nicht die ganze Wahrheit liegen? Doch sie ist mir Anlass, den Gurus der totalen, digitalen Zukunft noch genauer zuzuhören, auch wenn ihre Sprache zum Großteil ungenießbar und hässlich ist. Was haben sie zu verbergen, was ist nur Trick und Schein,was notwendiger Fortschritt auf den virtuellen Straßen und Highways?

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