Gegenwart und Literatur

In der Debatte um die echte, unerhörte Gegenwartsliteratur geht es wieder kreuz und quer durcheinander. Kraut und Rüben bestimmen die Geschmacksrichtungen. Nicht etwa die Frage: was ist ein literarischer Text, wodurch zeichnet er sich aus, sondern die Kümmernis, was muss und soll die Literatur leisten, erhitzt die Gemüter. Vorneweg poltert naturgemäß der Haudegen Maxim Biller, von dessen überflüssigen Ergüssen hier auf meinem Blog schon genug die Rede war. Aber er schaffte es natürlich wieder, dass die angegriffenen Feuilletonisten sich brav und erwartungsgemäß zur Wehr setzten. Sie wollen dem guten Menschen mit der wahren Herkunft nicht zu nahe treten, aber sich doch rechtfertigen. Denn auch sie meinen es ja nur gut. Dem Biller darf man ja nicht böse sein, denn wer will seinen privilegierten Feuilleton-Job andernfalls als Antisemit verlieren? Aber auch dieser moralinsaure Katzenjammer ergibt keinen Skandal und schon gar kein ernstes Drama mehr.

Der Gemeinplatz des Realismus spielt natürlich wieder eine Hauptrolle, als wäre dieser Begriff überhaupt noch denkbar, sie genieren sich nicht die obszöne Frage zu stellen: Bildet die Literatur die öde Wirklichkeit kritisch genug ab, wo sind der Fantasie als Medium genuiner Gesellschaftskritik die nötigen Grenzen zu setzen?
Als wäre jemand dieses Überblicks fähig und könnte von erhöhtem Posten über aller Leben und Schreiben Urteile fällen. Reich Ranicki glaubte das von sich, aber er ist ja nun tot.

Alles im Grunde uralte Kammellen, die schon die Eiferer vor 100 Jahren beschäftigten, als sie über engagierte Poesie und Poesie pur allerhand Unsinn verzapften, den sie jetzt wohl wieder aufbrühen wollen. Wozu?

Es ist wahr, eine Literaturkritik kann allenfalls so gut und so triftig sein wie die Literatur, auf die sie eingeht, um sie zu entdecken und zu analysieren. Da die Kritik heute langweilig und verstaubt wirkt, lässt sich der Rückschluss auf ein ungültiges Material ziehen, das im Ganzen viel zu wenig in Form gebracht ist.
Die Katze beißt sich also in den Schwanz, mediokre Literatur fordert keine innovative Kritik heraus. Diese verkommt, weil sie bloß Stoff statt berückende, unerhörte Formenvielfalt zum Gegenstand hat.
Das alles aber kann sich über Nacht plötzlich ändern, und die zur Schindmähre gerittene Gegenwart ist wieder einmal nichts als Makulatur.

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