R. Götz-Szenestar und Dichter

Der Klassiker Schiller hat die Modernität als Ort der Sehnsucht nach der Natur verstanden. An diesem Ort will man fortwährend die Steigerung der Mittel, um den Schmerz des Verlustes in immer raffinierterem, frappanterem, verrückterem Genuss zu ertränken und auszuleben. Das stellte wenig später Friedrich Schlegel fest, Kritiker und Frühromantiker. Die Modernität war für beide notwendig, – für Schiller und Schlegel,- deutliche Daseinsstruktur..
Für Reinald Götz indessen, den Schillerpreisträger 2013, (dessen kurze Dankrede in der aktuellen Zeitschrift für Ideengeschichte abgedruckt ist,) ist die Modernität nichts als ein „geiler“ Super- Motor, der immer schneller, immer besser laufen muss. Die Modernität , wie Götz sie begeistert feiert, kennt nur eine innere Zerrissenheit, einen einzigen Tumult und Fortschritt, keinen Gegensatz. Götz glaubt Anciennität, einen Begriff von Tradition nicht mehr beachten, nicht erkennen zu müssen.
Für ihn ist Kunst nichts als hypermodern, die Gesellschaft im Innersten revolutionierend. Immerzu, rasend müssen die Texte sein, so Götz. Auf ein ungewisses, hochriskantes Ziel zu. Er favorisiert den Streit, er will mit allen anderen Schreibern den Krieg, die Vernichtung des anderen sei ein Gesetzt der modernen Kunst, das habe er bei Adorno gelesen.
Gut möglich, denk ich, dass man solches in entsprechender Stimmung bei Adorno irgendwo einmal herauslesen konnte. In den 70er, 80er Jahren im vergangenen Jahrhundert. Doch Adorno feiert weder Schiller noch die Moderne . Er fügt sich dieser, trauernd und beklagt, dass man im Höllen-Lärm der Kulturindustrie die Klassik und die alte Kunst kaum mehr verstehe.
Götz hingegen feiert den Fach-Freak am Schreibtisch, den Medienstenz, den Terminologen,der den Ton plötzlich findet für seinen neuen Roman, in dem alles mögliche untergekommen sei, als Splitterwerk der Gesellschaft: „ Streitige Bücher wollen wir schreiben, den Streit der Gesellschaft, den Krieg der Welten, das Zerfallensein in einzelne Funktionssysteme möglichst vielstimmig und reich in unsere Texte hineintragen.“

Hier spricht der Ingenieur, der Monteur der Weltteile, auch der Filmregisseur schaut um die Ecke. . Das Programm aber ist alt. Die revolutionären Russen hatten es schon vor hundert Jahren, Marinetti und später auch Benn und Brecht, auch sie redeten schon viel in diesem Vokabular der Fabrik. Götz bringt noch eine gewisse Lockerheit dazu, einen süffisanten Unernst und die Unbekümmertheit des poetry slam hinein, in seine schneidige Poetik. Im Grunde feiert er das irre Dasein im Medien-Kapitalismus, der ihm viele Schaufenster gibt, wo er wie ein Filmstar sich selbst immer neu maskieren und inszenieren kann.
Gleichzeitig muss er vermeiden, das gebietet ihm seine Klientel, wie ein Naiver zu jubeln, nein im Gegenteil, er ist doch Pessimist und will das Miserable, das Schwärzeste, das Ausweglose und pur Negative so radikal wie höchst modern zum Exzess der Wörter bringen.
In Wahrheit ist er ein Darsteller des Betriebs, der ihn macht und sich mit ihm schmückt. Und gewiss, er spielt mit, er will den honorigen Kulturleuten, die zu seiner Schillerrede gekommen sind, gefallen und zwar wie ein Star gefallen, dazu ist er zweifellos begabt. Aber er hat sie selbstredend auch ein bisschen kränken und zupfen müssen. Sein Streit-Thema, seine Literatur gehört zur Show, als deren Protagonist er seit langem eine der blendendsten Rollen spielt. .

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