Schadenfreude und Neid

Den einen, den meistens zu kurz Gekommenen und Erfolglosen, schafft der Fälscher Wolfgang Beltracchi Genugtuung, hat er es den Philistern der Kunstkritik und des Museums doch endlich gezeigt; welche auf ihn hereingefallen sind und jetzt als kümmerliche Schwätzer und Nichtskönner da stehen.

Bei den Kritikern und Experten auf der anderen Seite herrschen Wut und blanker Neid. Sogar aus der sonst so blümchenhaft zarten Rose-Maria Gropp spritzte aus jedem ihrer Sätze heute nichts als Gift. Nicht genug damit, dass der Fälscher und seine Geliebte in den großen Talkshows offen triumphieren dürfen, denn sie haben es ja geschafft, führten ein gutes Leben in Saus und Braus. Bei 3 nach Neun bedauerte der Fälscher zynisch, dass ihm sein letzter Coup leider missglückte, denn mit diesem hätte er sich mit 5 Millionen einen geilen Palazzo in Venedig leisten können. So frivol und hedonistisch lassen die vom Fernsehen den Betrüger reden, beschwert sich Rose Maria in ihrem nervösen Subtext.
Ãœber so viel Ãœbermut und selbstherrlicher Freude des Fälschers ist Rose Maria hellauf empört. Statt Buße zu tun, Abbitte zu leisten, wie es im moralisch zerknirschten Deutschland Sitte ist, freut er sich immer noch unverhohlen über seine gefälschten Meisterwerke, mit welchen er sich und seiner Geliebten ein Luxusleben gönnen durfte. Aus Rose-Maria spricht auch Mitgefühl mit ihrem berühmten Kollegen Werner Spieß, der sich jahrzehntelang als Max Ernst-Experte ausgegeben hatte und nun von Beltracchi aufs peinlichste blamiert und geradezu entwaffnet wurde. Rein-metaphorisch gesprochen. Der Fälscher riss ihm die getürkten Epauletten von seiner Kritiker-Uniform. Spieß kann sich nirgends mehr sehen lassen, ohne auf den Fälscher angesprochen zu werden. Der berühmte Kunstkritiker wird seine Traumhonorare von einst nie mehr erreichen können. Der mediale Triumph und Starruhm des Fälschers bringt die sonst so blümchenhafte Rose Maria Gropp schier aus der Fassung.. Auch gegen ihre Kollegen in der „Zeit“ mokiert sie sich, denn die machten dem Fälscher und seiner Geliebten auf mehreren Groß-Seiten des Feuilletons geradezu den Hof. Auch über die Journalisten im öffentlichen Fernsehen schürzt Frau Gropp ihre Lippen mehrmals voll Verachtung. Wie kann man nur einen Betrüger öffentlich bewundern und verehren? Was läuft da schief, hat Sarazin am Ende doch recht? Ist die Kunst nicht mehr heiliger, origineller als ihre Kopie? Solche Dinge mögen ihr durch den Kopf gehuscht sein, als sie ihre neidvolle Abrechnung schrieb,für die FAZ, wo übrigens auch Werner Spieß, der vom Fälscher meist Beschämte, immer ein hoch willkommener Autor war.

Aber das Schlimmste, woran Frau Gropp an ihrem Herrgott zweifeln könnte, wäre sie nicht linksliberal und natürlich auch agnostisch, wie man heute sagt,- das Schlimmste, wo sie sich gar nicht beruhigen konnte, wo sie beinahe die Regeln des seriösen Journalismus vergessen wollte, das Schlimmste: Dieses Betrüger-Pärchen ist auch noch ein Liebespaar. Sie lieben sich wie am ersten Tag immer noch, das gute luxuriöse Leben, das sie führen konnten, bewahrte ihre Liebe vor dem üblichen, hässlichen Gezänk um Geld und Anerkennung. Ist das nicht zum Haareausraufen-? – schreit es zwischen den Zeilen der Rose Maria Gropp wie aus einer engen Gruft heraus zum Leser, der in meiner Gestalt sich nicht aufraffen kann, der neidvollen Verurteilung des Fälschers durch die Feder der Frau Gropp, zu folgen. Im Gegenteil, ich bedauere, dass Beltracchi sein letztes Ziel, den alten Palazzo in Venedig, nicht mehr erreichen konnte, ich hätte ihn dort sehr gerne besucht, für ein Interview in meinem Tagebuch. Auch mit der Geliebten des Fälschers hätte ich gern in Süd-Frankreich, wo sie lange wohnten, ein Stündchen geplaudert. Sie ist noch immer eine schöne, fröhliche Frau.

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