Unsere Bilderwelt

Unsere Welt ist eine reiche Bilderwelt geworden. Reisen ist umweltschädlich und unnötig obendrein. Denn niemals werden wir die grandiosen Bilder erleben können, die wir in den Medien täglich bestaunen dürfen. Unsere Welt bietet sogar verschiedene Zeiten zur Besichtigung an. Wenn wir die Bilder der Ukraine sehen, fühlen wir uns in vergangene Jahrhunderte der Aufstände zurückversetzt, trotz der mit handys verzierten Barrikaden und Autoreifen, in denen altbacken und schäbig bekleidete Personen wie in einem malerischen Elend sitzen. Der Präsident ist auf der Flucht, seine Prachtresidenz ist verwaist und wird von armen, betrogenen Bürgern besucht und andächtig begangen. So hat er uns also betrogen, klagt der Volksmund. Der Krösus und Schmarotzer am Volkseigentum wird im Parlament als Ganove beschimpft und verflucht.
In Nordkorea herrscht indessen das blutigste Mittelalter, das es jemals gab, auch in Saudiarabien steinigt man immer noch Menschen, auch in Persien und China greift man gerne zu härtesten, grausamsten Strafen. Mafiabilder erreichen uns täglich aus Mexiko und Afrika.
Bei uns indessen wohnt die mächtigste Kanzlerin in einem bescheidenen Häuschen im Osten. Auch beim mächtigsten Gewerkschaftsboss kann man sich keinen Luxus-oder Prunkpalast vorstellen. Er wird höchstens in einem modernen Bungalow mit Doppelgarage seine Unterkunft bezogen haben.
Sicher, wegen der Staatsrepräsentanz fährt auch bei uns die hohe politische Klasse noch immer in soliden, edlen Dienst-Limousinen durch die Gegenden, doch privat für ihre Frauen und Kinder unterhalten sie meist sichere Opelfahrzeuge, aus Solidarität mit den Arbeitern in Rüsselsheim und anderswo.
Wir pflegen in unserem neuen Leben im Internet bereits ganz andere, viel modernere Träume. Viel Prominenz bei uns fährt vorbildlich, weil umweltbewusst, mit Schutz-Helm auf schicken Fahrrädern in die Innenstadt.
Gutes Bio-Essen aus regionalen Küchen fördert unsere Top-Gesundheit, der Sport erklettert einen allgemeinen Stellenwert, der einmalig ist in der Welt. Jeder öffentliche Raum wird Tag und Nacht von sanfter, kundenfreundlicher Musik beschallt. Sämtliche Tugenden tragen inzwischen einen hell-grünen Anstrich. Nicht mehr das Gute oder das Böse, sondern das Therapeutische und das Gutmenschliche bilden die Koordinaten unserer Weltanschauung. Unseres Grundkonsens.
Unsere Emotionen leben wir aus, um sie zu beobachten und in den Griff zu kriegen, wie man sagt. Es kann alles funktionieren, kennt man nur die Mechanismen gut genug. Inzwischen weiß jeder, wie der andere tickt, wenn er nicht gerade schwer krank ist oder seine Pillen vergaß einzunehmen.
Für unsere Persönlichkeiten gibt es tausend Anleitungen und Webinare, denn alles scheint möglich, wenn es nur verkäuflich gemacht ist. Sogar die Oper oder die sexuellen Heilanstalten,sgar unsere Soldaten können ihre Frauen und kleinen Kinder mit in den Krieg nehmen, ohne sie zu gefährden.Wir brauchen nur das zeitgemäße Outfit und die Fähigkeit des positiven Denkens. So lernen wir ja zu sagen, das große, grundsätzliche Ja, die große Utopie, die uns das ganze Leben von einer anderen ungekannten Seite her mit unendlich vielen Bildern und Medienangeboten präsentiert.
Wir leben in einem großen Wohlfühl-Film, an dem wir selber
mitbasteln können, während wir ihn konsumieren.
Das gab es wirklich noch nie.

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