Im Zug nach Zürich

Im Zug neulich nach Zürich setzte sich plötzlich ein Unternehmer, wie sich herausstellen sollte, an meinen Tisch im Restaurant und verspeiste in großem geraüschvollen Genuss das Mahl eines der TV-Modeköche, die neuerdings auch die gewöhnlichen Massenlokale mit ihren Ideen beglücken. Aber der Herr aß nicht nur, sondern suchte schon bald, nachdem er Platz genommen hatte, und noch bevor er bestellte, das Gespräch mit mir. Das heißt, er zwang mich mein Buch zuzuklappen, das ich mit Spannung las, übrigens: die Autobiografie des muslimischen Ketzers Salman Ruschdie, der darin erzählt, was ihm geschah, als der iranische Mullah die Fatwa über ihn verhängte.
Ich sah dem Herrn aber an, dass ich ihm das nicht erzählen könnte. Sein Unterton klang leicht aggressiv, fordernd, als Unternehmer war er es gewöhnt, die Leute unter sich jederzeit ausfragen zu dürfen. Als ich ihm die erste Auskunft verweigerte, wollte er wissen, ob ich zustimme darin, dass heute wieder ein ziemliches Gechwerl im Zug überall herumlungere. Sein Chauffeur war krank, sodass er heute ausnahmsweise einmal den Zug nahm. Aber er sähe jetzt, welche massive Präsenz die Ausländer bereits inne hätten, da helfe es ihm auch nichts, wenn man dauernd so edelmütig und süßlich von den armen Migranten rede. Dieses Volk passt einfach nicht zu uns, sie sind arbeitsscheu, unverschämt und schmarotzerisch. Da könne er als mittelständischer Unternehmer ein Lied davon singen. Ihm mache da niemand etwas vor.
Plötzlich fiel er in eine sentimentale Tonart, als er bereits seine Suppe auslöffelte, und er erzählte unvermittelt von seinem süßen Enkel Gaborlein… jetzt komme ich aus meiner Klemme, dachte ich, indem ich mich weiter nach dem süßen Enkelkind erkundigte. Doch als das Gulasch mit Klößen bei ihm ankam, fand er in seine Attacke gegen die Ãœberfremdung zurück. Multi Kulti, lachte er grimmig, indem er den ersten Fleischbrocken aufgabelte, was ich denn davon hielte? Ich sagte wahrheitsgemäß: „nichts“, aber setzte ich nach, diese falsche Idee sei doch bereits passet, kein Mensch verteidige sie mehr. Selbst die sog. Gutmenschen rückten längst davon ab.
Jaja, natürlich haben sie inzwischen einen anderen Namen gefunden, erwiderte er, „Willkommenskultur“- herrliches Wort. Wir hätten zu wenig Willkommendingsbums.. wenn ich das schön höre. Man will einen zum Heucheln zwingen, als ob ich gottfroh sein müsste, wenn mir eine der vermummten Muslimas im Zug—Und jetzt drehte er auf, ein unverhoffter Temperamentsausbruch plötzlich, sodass ihm ein halber Kloß wieder zurückfiel in die dicke Gulaschsoße, ja gerade vorher, rief er, und zeigte jetzt auf die Tür, vier vermummte Gestalten in einem Abteil. Ich dachte.. er unterbrach sein Mahl, wischte sich mit der Serviette über den Mund, ich weiß, sagte er, man darf dazu nichts sagen, sonst bin ich wieder ein Nazi.
Neulich habe er drei Migranten, wie die so schön heißen, entlassen müssen,sie hätten ihn bestohlen, da war es, da hätte ihm der Betriebsrat einen Nazi geheißen, Gut, er hat sich nachher entschuldigt und er ist wirklich kein schlechter Kerl, der Herr Bentle, halt ein bisschen primitiv, wie die einfachen Leute oft sind, sie kennen ja nichts..er nahm sein Mahl wieder auf. Er hat sich entschuldigt ja, manchmal gingen ihm eben die Gäule durch, Nazi habe er nicht direkt sagen wollen, er lacht.. sein Gesicht voller Spott- aber so denkt er doch. Ich habe es gut sein lassen, ihm auf die Schulter geklopft, er winkte die Bedienung heran und bestellte Cognak, zwei Cognacs, er lud mich ein, ich war ihm irgendwie näher gerückt wohl, durch mein Zuhören, und vermutlich auch deshalb, weil ich ihm nicht widersprach, ihn ausreden ließ, noch lange. weitere 3 Cognacstrecken hindurch ausreden ließ, bis wir in Zürich aussteigen konnten. Er hatte es plötzlich eilig, stürmte davon, ich blieb noch eine Weile stehen und schaute ihm nach. Am Ende der Halle: Eine Frau kam, eine schicke Frau, auf ihn zu. Hatte er mich im Zugrestaurant nur gebraucht, ach was dachte ich, du kannst dir jetzt alles mögliche ausdenken, es kann seine Schwester sein, seine Anwältin, eine Kundin, eine Hure, eine Geliebte. Nur seine Frau oder seine Mutter war es nicht. Wie sagen die Fußballer? Seine Körpersprache war ganz anders.
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