Münsterturmjubiläum 2015

(eigener Bericht)
Für die Stadtmarketingaktion: „Ulmer Weitblick“ gibt die Stadt 1,9 Millionen Euro aus. Jetzt weiß man endlich auch, wofür:

Statt weltbedeutender Künstler-Namen wie Ai wei wei, Anish Kapoor, HA Schult und Rebecca Horn, jetzt doch kleinere Brötchen. Der Gemeinderat beschied sich auf ein Paket aus mehreren Ideen . Lozano-Hemmers „Solar Equation“ und Joachim Fleischers „Abtastung Münsterturm“.
Für „Solar Equation“ wird in der Turmhalle des Münsters ein Ballon mit sechs Metern Durchmesser aufgehängt: eine wissenschaftlich genaue Miniatur-Nachbildung der Sonne mittels Animationen und Projektionen. Diese Kunstsonne soll in der Kirche visuelle Furore machen, aber auch meditativ wirken. Natürlich, das sagt sich leicht, für mich hört sich das heute schon wie kommerzielles Disko- Kino an.
Aber immerhin, Kostenpunkt: 310 000 Euro.

Die „Abtastung Münsterturm“ klingt irgendwie geil, erotisch, der Münsterturm als weibliches Objekt der Begierde -nicht etwa als Phallus, denk ich mal – beträgt 240 000 Euro.Fleischers „Abtastung “ loben die Kuratoren als eine „dezente, aber sehr wirkungsvolle“ Lichtinstallation im Turm. Anders als bei üblichen Illuminationen will der Stuttgarter Künstler die architektonische Struktur des Turms von innen mit Licht durchdringen. Wir sehen also von draußen endlich mal eine Struktur, nicht nur Illusionen.

Als drittes Hauptevent dient ein „Ulmer Oratorium“, ein riesiges Gemeinschaftsprojekt mit vielen Musik Betreibenden aus der Stadt.
Musik als Breitensport für 250 000 Euro

Als „soziale Stadtplastik“ -in memoriam Joseph Beuys- gestaltet Doris Graf ihr Kunstprojekt „Ich, Ulm“. Die Stuttgarterin will Menschen auffordern, ihre persönliche Beziehung zu Ulm zeichnerisch darzustellen. Daraus entstehen Ausstellungen, Begegnungen, Diskussionen zum Preis von 95 000 Euro.

Jeder spürt, die Preise sinken jetzt stufenweise.

Ein literarsiches Projekt: „Electro Poetry Performance“ – vier Lesungen um das Thema Münster. – „Body“, „Soul“, „Family“, „Death“. Unter Beteiligung vieler Ulmer Künstler. Das Ganze für sehr bescheidene 20 000 Euro.

Das Kuratorium und sogar einzelne Stadträte empfahlen, lokale und regionale Künstler und Projekte mit in den Ilmer Weitblick einzubeziehen . Aus der freien Kunstszene sind bereits erste Vorschläge eingegangen. Bis 31. März können Interessierte nun ein Online-Formular der städtischen Kulturabteilung ausfüllen. 100 000 Euro werden dafür zur Verfügung gestellt – „aber nicht mehr“, das betonte Oberbürgermeister Ivo Gönner in seiner Spätzles Art, gestern. Und er rief dazu auf, sich mit möglichst originellen Beiträgen – also nicht mit weiteren Skulpturen oder Lichtkunstprojekten – zu bewerben.
Typisch Gönner, er gibt so gerne Ratschläge, hier sogar einmal an die lokalen Künstler. Nicht dass sie übertreiben wieder und auch die Größten sein wollen.
Der Gönner sagt sich jeden Tag vor dem Spiegel, ich glaub, ie bin ganz guat, aber ich bin nicht der Willy Brandt von Ulm. Des muss ie mir immer au sage.
Dann werden natürlich noch einige Fotowettbewerbe und Online-Filme, den Weitblick verzieren, dazu die populäre Postkartenaktion „Die Welt gratuliert Ulm“. So was kommt an, wirkt in die Breite gut.
Marketing-Chef Häusler (Zürich) lobt sein „Gesamtkunstwerk“, das er sich schön ausgewogen vorstellt: „Manches ist elitär-ambitioniert, anderes spricht breite Bevölkerungsschichten an.“ Die Entwicklung des „Ulmer Weitblicks“ sei ein extrem professioneller, engagierter Prozess gewesen: „mutig, visionär und doch auf dem Boden bleibend“.
Das stimmt, alles wieder sehr bescheiden, sehr bodenständig und trotzdem wahnsinnig modern. So mögen das manche Ulmerin und auch viele Ulmer sehen. Indem sie das tun nämlich, nehmen sie heute schon Teil am Ulmer Weitblick, könnte man sagen.
Ich habe jetzt nachgerechnet, da bleibt noch eine rund Million übrig. Das Gesamtbudget von 1,9 Mio deutlich unterschritten. Oder gehört die andere Million nicht schon dem Herrn Häusler aus Zürich? Er soll übrigens ein alter Kamerad Gönners sein, Noch aus Jugendzeiten.
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3 Gedanken zu “Münsterturmjubiläum 2015

  1. Himmel! Ihr werdet ja noch zur Reichshauptstadt Konkurrenz! (Migrationsort für die ReGIERung?) … Transzendent.

    Neben den anderen ´Kulturfestivals´~ wo wir ja alle frohlocken ~ sind 1.9 Mille € aber ´Peanuts´~ oder nennt man das bei euch auch Spätzle.

    Sie könnte ich mir als ´einsamer Poet´ im Sonderzelt irgendwo im Stadtpark vorstellen. Gibts hier in Bremen auch ein paar, die wirken immer voll abgehoben.

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