Sexueller Kulturkampf?

Jetzt stilisieren sie die Debatte um sexuelle Vielfalt, Homo-und Transsexualität schon zum Kulturkampf hoch. Wie der Allroundschreiber Niggemeier heute in der FAS. Diese Turbulenzen erinnern mich an die Skandale, die der Dramatiker Frank Wedekind einst mit seiner Lulu und anderen Schriften hervorgerufen hat. Friedrich Gundolf schrieb dazu in einer Studie, die sexuelle Botschaft des Theaterautors erscheine ihm durchaus aufklärerisch und nützlich, doch rede Frank Wedekind vom Sex allzuoft so fanatisch wie ein Paffe von seiner Religion.
Kein Wunder, nach der langen Tradition der Verfolgung Homosexueller, die auch in der aktuellen Debatte noch einen deutlichen Widerhall findet. Homo-Bi-und Transsexuelle reden von ihren Neigungen oft wie von letzten Ursachen und Geheimnissen, um sich zwei Sätze später als ganz normal auszugeben.
Diese sog. Normalen rechtfertigen sich gegen den Verdacht sie seien homophon, ja rassistisch im Grunde, indem sie in einen religiösen Rausch verfallen, und wortreich ihre Toleranzgesinnung bekennen, diese aber nicht mit einer Akzeptanz verwechselt wissen wollen.
Ein Wissenschaftler und Protestant sagt, dass er die Homosexualität toleriere und für diese Toleranz sogar öffentlich einstehe, doch das heiße noch lange nicht, dass er diese anderen Neigungen für sich akzeptiere. Er wünsche in dieser Richtung nicht weiter bekehrt zu werden. Er genieße hier sehr gerne den neutralen Boden zwischen den Fronten. Dort lasse er sich keine Debatten aufzwingen, die ihn gar nicht interessierten.
Ist das nun homophob? Muss auch der Gewohnheitschrist zum Beweis seiner qualifizierten Toleranz gegenüber Muslimen erst ein Examen zum Thema Koran ablegen und überstehen? Muss ich mehr wissen über Homosexualität und all die sexuelle Vielfalt, um sicher zu sein, kein verbohrter Feind von Minderheiten zu sein? So lenken die sog. Normalen gerne von ihrer Verschämtheit ab, indem sie die Vielfalt der heterosexuellen Verwirrungen und Perversionen einfach unter dem Deckel ihrer sog.Normalität verschwinden lassen.
Schon mancher Politiker, der sich auf strahlend sauberen Wahlplakaten mit Familie und fröhlichen Kindern ablichten ließ, stürzte wenig später im Rotlichtmilieu ab, wo ihn investigative Schnüffler in einem Dominastudio ertappten und prompt outeten. Denn die Öffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren, ja eine Lust zu wissen, was ihre Idole und Promis so treiben. Ob sie gar schwul sind oder lesbisch? Auch Dominique Strauss Kahn erntete als Sexualathlet helle Empörung, besonders auch in feministischen Kreisen. Das war wieder mal ein fettes Quoten-Thema. Auch gegen Jörg Kachelmanns Sondertouren, die doch niemand außer ihn und seinen Frauen etwas angehen, zeigte, man ist ganz allgemein und öffentlich wie verrückt und scharf auf immer neue sexuelle Spielsachen und Abarten. Warum soll der Mönch, der in seiner Kammer im Internet nach Homo- ja Pornografischem fahndet, moralisch verwerflicher handeln, als der normale Bankkaufmann, der nach Dienstschluss ein Swingerstudio aufsucht, um neue Schweinereien für sich und mit anderen auszuprobieren?
Es lebt massenhaft das sexuelle Experiment. Man sieht, die Sucht nach Neuem, nach Abwechslung geht auf immer neu eröffnete darkrooms, und sie ist auf den Sexmarkt zur Zeit noch heiliger als auf dem boomenden Elektronikmarkt. Nein, dieser bedient und verbündet sich sogar aufs innigste mit dem Sexmarkt.
Von der Weisheit des sex sells ist es nur ein Katzensprung zu den Dekorationen und hinter die Fassaden der Normalität.
Dagegen ist noch kein Medienkraut gewachsen. Und auch die erhöhte Schablone vom Kulturkampf ändert nichts daran, dass sein Stoff schon längst kein bloß ziviler mehr ist. Freilich, die Kunst, wofern sie noch existiert, könnte den verwilderten Diskurs in eine Form bringen, die uns Klarheit schaffte. Warten wir also auf die Kunst und lassen die Sex-und Antisex-Pfaffen getrost weiter schwafeln. Kultur ist es zum wenigsten, was sie zu bieten haben.-

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