Eine moderne Lyrikerin

Gestern hörte ich eine längere Zeit der Dichterin Friederike Mayröcker zu, im Radio gab es ein feature über Sie, ihre Schreibexistenz. Sie spricht so tranig und monoton über ihren Alltag, wie Sie ihre Gedichte und Prosapoeme liest. Sie zeichnet ihre Verse eher, als dass sie aus ihrer Stimme her kämen. Sie hat zwar einen musikalischen Hochgeschmack und ein gutes Gespür für Satz-Rhythmen, doch dem Problem des Verses ist sie aus dem Weg gegangen.Anders als ihr Geliebter, der Herr Jandl, der zuletzt wütend auf der lapidarsten, verkommensten Versform noch bestanden hat. Er ist der typische Industrie-Lyriker. Seine Wortmusik hat Ähnlichkeiten mit dem stampfenden Stil des Techno.
Mayröcker hingegen, seine Geliebte, verziert ihre Sätze gern mit exzerpiertem Wortschmuck, edlem Silben-Gebäck. Ihre Bilder haben etwas Postkartenmäßiges, und kein Wunder hält sie Jacques Derrida, den Pariser Philosophen und Autor des Postkartenbuches, für einen wahren, großen Poeten.
Ich folgte ihr gerne in ihre mäandernden Prosafluchten, zwischen Erinnertem, heutigem Dekor und Ihrer Raffinesse, mit den Wörtern zu spielen. Ich folgte einer Prozession ihrer Bilder, ihrer halb zerbrochenen Zitate und Sprachzeichen, doch ich hörte nicht ihre Stimme. Sie schien sich in ihrer eintönigen Vortragsweise zu verbergen. Ihre Gedichte sind zwar musikalisch fein geordnet, aber sie kommen nicht aus der Musik selbst. Sie gehören eher ins grafische, zeichnerische Atelier.

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