Brief an Helmut E.- im Theater Frauenhofer

Lieber Helmut, ich denke, wir können im Falle Karl Kraus ganz von vorne anfangen, ein Gespräch führen mit Fragen wie: Wer war denn überhaupt der Karl Kraus? Hatte er nicht an allem etwas auszusetzen? Hat er nicht alle Themen der Literatur vollkommen verfehlt? Ist die Presse ein Stoff der Literatur? Was geht die Menschheit sein Hass auf alle Zeitungen an? So die einen.

Die anderen und wenigeren behaupten: Nein, nein, das ist eben konkrete Sprachkritik. Kraus war ein Sprachreiniger, er zeigt uns anschaulich, wie leicht auch die Literatur in die Fallen der Staats-und Gesellschafts-Ideologie geht. Sehr kluge Leute wie Max Weber, Dichter wie Thomas Mann, Rilke,  Hofmannsthal dichteten für den Krieg. 1914. Die Stunde des Karl Kraus.

Minutiös wie kein anderer, wie kein Historiker bisher enthüllt er uns den Sündenfall, die Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts. „Die letzten Tage der Menschheit“.– das Urdrama, heute erst recht wieder aktuell in unserer Mediokratie. Kraus ist der schärfste Medienkritiker, bis auf den heutigen Tag.  Er enthüllt uns auch seine Instrumente, seine Zitier-Methodik, seine Phrasenkritik, sein Witz freilich ist einmalig, ist weder nachzuahmen, noch zu beerben. Weder Elias Canetti noch Elfriede Jelinek, beide langjährige Adepten des Karl Kraus, konnte das gelingen. Ich werde aus seinen zwei großen sprach-.und literaturktritischen Essays zu Heine und zu Nestroy zitieren, kurze satirische Szenen aus der Menschheitstragödie präsentieren und am Schluss auf die letzte Schrift der „Dritten Walpurgisnacht“ mit ihrem Alptraum- Nazistoff zu sprechen kommen.
Und was daraus  folgte, das werde ich auch erzählen. Der Bannstrahl gegen Kraus im kalten Krieg durch Germanistik und Journaille. Kraus griff 1933 die Linken im Exil an, sie droschen nichts als hohle Phrasen für ihn, prahlten mit ihrer „Waffe als Wort“ Er wandte sich von ihnen mit Grausen ab und schwieg fortan. Dafür revanchierte sich die Linke nach dem Krieg, und den Rechten ist Karl Kraus bis heute viel zu, viel zu, ja jüdisch. Trotzdem. Sie dürfen’s nur nicht mehr sagen. . .
Du siehst, lieber Helmut, ein brisanter Fall, spannend  uns heute schon wieder betreffend.
Schöner Gruß

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