Erdogan in Berlin

Rappelvoll das Tempodrom, Taisende geladener Gäste aus der deutschen Türkei im Saal. Kein Protestierer darunter,eine Handvoll von ihnen demonstriert draußen. Sie dürfen nicht rein, denn das türkische Fernsehen übertrug den nationalen Event live. Sie jubelten ihrem Ãœbervater zu: „großer Meister“. Seine Hand schlägt mehrmals an die linke Brust. Dann sagt er: „Ich überbringe euch Grüße von euren Brüdern und Schwestern aus der Türkei.“ Eine Orgie des Jubels brach los. Ein Taumel der Heimatgefühle, Halbmondflaggen wurden geschwenkt, auf einem der Plakate steht: „ Du bist eine Seele, mein Ministerpräsident.“ Das deutsch-türkische zu Tausenden handverlesene und geladene Volk in Deutschland steht nicht nur hinter diesem Mann, es vereinigt sich mit ihm, es liebt ihn wie verrückt. Er klagt mit seinem Volk über die 8 NSU Morde, aber er wird diese Prozesse genau verfolgen. Er steht wie ein Vater hinter seinen ängstlichen Kindern, die sich in Deutschland, wo sie seit Jahrzehnten wohnen, wie ausgesetzt fühlen in diesem Moment. Der Vater streichelt sie und erzählt von seinen Erfolgen im Heimatland. Man ist sehr barmherzig und hat 700 000 Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen, er hat das Kopftuchverbot an den Universitäten aufgehoben, er badet jetzt in seinen Siegen. Und er wird sofort wieder ganz demütig, denn wir, sagt er jetzt, „wir sind nicht die Herren, sondern die Diener unsres Volkes“. Ovationen, Erlösungsschreie. Stöhnen vor Freude im Volk.
Dann fällt ein Schatten, er der türkische Volksmessias hat einen mächtigen Feind, der seinen Staat unterwandert, der die Verbrechen im Gezipark organisierte, der nicht vor Morden zurückschreckt, der seiner Regierung Korruption unterstellt, der Gerüchte verbreitet, die Türkei sei wirtschaftlich nicht mehr stark. Eine Lüge. Dieser Feind, den er elegant nicht beim Namen nennt, denn jeder kennt ihn doch, dieser Dämon, der vom Ausland her seine giftigen Fäden spinnt, wirft mit Schmutz, „diese Leute“, sagt er,“ haben keine Liebe für ihr Vaterland.“ Wie könne ein Land denn von Korruption befallen sein, in dem so viel gebaut werde wie in der Türkei? Frenetischer Beifall. Jetzt zählt er seine Bauvorhaben mit den gigantischen Kosten her, den Flughafen, die Bosporusbrücke, noch mal eine Bosporusbrücke. Ein riesiges Tunnel. „Das sind Taten“, und bei diesen Worten schwillt der Stolz im Volke von neuem an, und Erdogan fragt wie ein klassischer Rhetoriker der Antike: „Reicht uns das?“ Nein, „wir bauen noch viel mehr, weil wir das Volk lieben“.
Ein emotionales Fest, ein Schaumbad für das stolze Herz. Schließlich fordert er seine Landsleute auf, seid brav, engagiert euch, aber lasst nicht zu, dass sich unsere Jungen von unserer Sprache und unserer Kultur entfernen. Dann wirft er rote Nelken in sein Volk. Abgang. Das Volk stürmte kreischend auf die Bühne, um seinen Messias zu berühren, doch dieser verschwand schnell in einer Staatslimousine.

Nota bene, wenn die deutsche Regierung dieses türkische Volk in Deutschland ganz für sich gewinnen will, muss sie viel gefühlvoller auftreten. Mit Flughäfen und gigantischen Bauten und noch gigantischeren Zahlen könnte sie auch aufwarten, doch mit der Liebe zum Vaterland- das geht eben gar nicht mehr. So wie Erdogan will kein Deutscher mehr reden. Die Gründe kennt jeder. Wir wollen auch diese Staatsgebärden nicht mehr, die die Türken unter uns aber so sehr lieben. Das ist die Crux. Es sind die starken Gefühle, die uns noch trennen. Wir sind zu cool. Wirken herzlos, in den Augen unserer Türken. Wir haben keinen einzigen Erdogan mehr.

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